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Otto

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Dienstag, 8. August 2017, 18:53

2,3 Millionen Besucher im Auswandererhaus

Zitat

Seit seiner Eröffnung vor zwölf Jahren haben mehr als 2,3 Millionen Menschen das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven besucht. Im Auswandererhaus können Besucher sich über 300 Jahre europäischer Aus- und deutscher Einwanderungsgeschichte informieren.
Das Deutsche Auswandererhaus nahe der Außenweser steht an einem historischen Ort: Hier haben zwischen 1830 und 1974 rund 7,2 Millionen Menschen das europäische Festland verlassen, oft als Wirtschaftsflüchtlinge. Sie sahen in ihrer Heimat keine Perspektive mehr und wollten sich hauptsächlich in den USA eine neue Existenz aufbauen.
Seit einigen Jahren beschäftigt sich das Haus auch intensiv mit der Frage der Einwanderung nach Deutschland. 2007 wurde das Deutsche Auswandererhaus als Europas "Museum des Jahres" ausgezeichnet. Erst im April neu eröffnete das Museum ein "Studio Migration", in dem sich Gäste interaktiv mit dem Thema Ein- und Auswanderung auseinandersetzen können.
Die aktuelle Sonderausstellung "Good Music" beschäftigt sich mit der wechselvollen Lebensgeschichte zweier deutscher Musiker, die in den 1880er-Jahren in die USA emigrierten.

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Dienstag, 8. August 2017, 19:20

2,3 Millionen Besucher im Auswandererhaus

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Seit seiner Eröffnung vor zwölf Jahren haben mehr als 2,3 Millionen Menschen das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven besucht. Im Auswandererhaus können Besucher sich über 300 Jahre europäischer Aus- und deutscher Einwanderungsgeschichte informieren.
Das Deutsche Auswandererhaus nahe der Außenweser steht an einem historischen Ort: Hier haben zwischen 1830 und 1974 rund 7,2 Millionen Menschen das europäische Festland verlassen, oft als Wirtschaftsflüchtlinge. Sie sahen in ihrer Heimat keine Perspektive mehr und wollten sich hauptsächlich in den USA eine neue Existenz aufbauen.
Seit einigen Jahren beschäftigt sich das Haus auch intensiv mit der Frage der Einwanderung nach Deutschland. 2007 wurde das Deutsche Auswandererhaus als Europas "Museum des Jahres" ausgezeichnet. Erst im April neu eröffnete das Museum ein "Studio Migration", in dem sich Gäste interaktiv mit dem Thema Ein- und Auswanderung auseinandersetzen können.
Die aktuelle Sonderausstellung "Good Music" beschäftigt sich mit der wechselvollen Lebensgeschichte zweier deutscher Musiker, die in den 1880er-Jahren in die USA emigrierten.

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Wir waren vor ein paar Jahren mal dort und ich muss sagen, es lohnt sich. War wirklich interessant. Ich habe in den Archiven sowohl meinen Großvater, als auch meine Schwester gefunden. Mein Großvater ist zwar nciht ausgewandert (seine Frau wollte das nicht), aber er ist mehrfach durch Überführungen von Schiffsneubauten in die USA eingereist. Da wurde er bei der Einreise jeweils erfasst. Meine Schwester ist ja tatsächlich ausgewandert.

Von mir also eine klare Empfehlung für dieses Museum.

Ralf

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Dienstag, 8. August 2017, 20:03

Ich habe in den Archiven sowohl meinen Großvater, als auch meine Schwester gefunden.
Verstehe ich das richtig, dass man dort recherchieren kann, wer wann ausgewandert ist? Ein Vorfahre meiner Frau hatte sich auch auf den Weg gemacht und da würde mich schon interessieren, ob man da Spurensuche betreiben könnte.
In diesem Sinne
liebe Grüße von Stefan :-)


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Mittwoch, 9. August 2017, 07:45

Ja, das hast du richtig verstanden. Es gibt dort sowohl noch alphabetisch sortierte Karteikarten (wohl mehr zu Schauzwecken), als auch die Möglichkeit der Suche per Computer. Meine Schwester habe ich dort z. B. im Computer gefunden. Witziger Weise mit der alten Adresse, unter der sie mit ihrem ersten Mann gelebt hat. Das ist seit Mitte der Neunziger bereits Geschichte.

Bei meinem Großvater konnte ich sogar die Schiffsnamen raus finden, mit denen er die Überfahrt gemacht hat. Das kann ich allerdings auch auf der Internetseite von Ellis Island. Unter www.libertyellisfoundation.org kannst du nämlich auch vom heimischen PC aus suchen.

Ralf

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Mittwoch, 9. August 2017, 07:53

Danke für den Link, ich habe gleich mal geschaut. Die Suche nach dem Namen brachte aber zuviele Ergebnisse. Ich muss dann Schwiegermama noch mal zu Details befragen, vielleicht finde ich tatsächlich den Hinweis auf meinen Schwiegeropa.
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Dienstag, 10. Oktober 2017, 17:51

Rheinhessische Auswanderer begründeten in den USA die Erfolgsgeschichte des Biers

Zitat

Rheinhessen, ausgerechnet Rheinhessen: Von diesem winzigen Flecken Erde aus, der heute vor allem für seinen Wein gerühmt wird, startete dereinst das Bier seinen Siegeszug in die Welt.
Zum Anfang dieser erstaunlichen Geschichte deutete allerdings rein gar nichts auf Glanz und Gloria hin: Mitte des 19. Jahrhunderts herrschte in Rheinhessen Tristesse. Binnen kürzester Zeit hatte es dort eine wahre Bevölkerungsexplosion – von 160 000 Einwohner 1816 auf 250 000 im Jahr 1850 gegeben. Für die strukturschwache Region hatte diese Entwicklung fatale Folgen: Viele Handwerke waren überbesetzt, die Arbeitslosigkeit stieg. Da zudem im Zuge der napoleonischen Reformen Landbesitz zwischen den Erben aufgeteilt wurde und folglich stetig schrumpfte, rutschten selbst gut situierte Familien sozial ab. „Seit etwa den 1830er Jahren reifte die Erkenntnis, dass es die bessere Zukunftsstrategie sei, das Land hier zu veräußern und für das Geld in Amerika große Ländereien zu erwerben“, erklärt der Alzeyer Historiker Dr. Helmut Schmahl. „Insbesondere der mittlere Westen der USA war ein begehrtes Siedlungsgebiet, weil die Regierung dort günstig Land verkaufte, das sie zuvor den Indianern abgenommen hatte.“
Einer der ersten Neuankömmlinge dort war der Guntersblumer Förster Franz Neukirch, der sich 1839 in der Gegend von Milwaukee, Wisconsin, niederließ. In seinen zahlreichen Briefen in die Heimat schwärmte er alsbald von den zahlreichen Vorzügen Amerikas – und sollte damit eine riesige Kettenwanderung auslösen.

Rheinhessen stellten Bevölkerungsmehrheit
Innerhalb weniger Jahre folgten ihm etwa 4000 (Rhein-)Hessen nach Milwaukee und in das Umland. „In einem Gebiet, das halb so groß ist wie der Landkreis Mainz-Bingen stellten Rheinhessen damit die Mehrheit der Bevölkerung“, sagt Schmahl. Nun wollten die Migranten zwar von den Vorzügen der Neuen Welt profitieren, dabei aber auch nicht auf die Annehmlichkeiten aus ihrer Heimat verzichten. Und für die geselligen Rheinhessen zählte dazu vor allem eines: gutes Bier. Das in den USA damals verfügbare Gesöff – wie das im Stile starker englischer Ales und Porters gebraute „Common beer“ – konnte dieses Bedürfnis nicht befriedigen, sehnten sich die Deutschen doch nach hellem, kohlensäurehaltigen Lagerbier aus Gerste und Hopfen.
Wenn man nach einer Geldquelle sucht und da sitzen lauter Leute, die sich Bier wünschen, liegt die Idee nahe, dass man es selbst braut“, erklärt der rheinhessische Bierexperte Jürgen Birk. Das galt sowohl für jene, die sich als gelernte Brauer oder Küfer ohnehin auf das Handwerk verstanden, als auch für jene – wie den erwähnten Förster Neukirch –, die im Land der unbegrenzten Möglichkeiten einen neuen Weg einschlugen. „In Milwaukee, damals die Stadt mit der stärksten deutschen Bevölkerung, kristallisierte sich bald eine bierselige deutsch-amerikanische Kultur heraus“, sagt Schmahl. 1847 waren unter den deutschen Brauern des aufblühenden Milwaukees Neukirch und die aus Mettenheim stammende Familie Best die dominierenden Kräfte auf einem florierenden Markt. „Zehn Jahre später zählte alleine Milwaukee bereits 25 Brauereien, deren Umsätze nur von der Eisenindustrie übertroffen wurden“, bekräftigt Schmahl, der an der Universität Mainz als Privatdozent lehrt.

„Lager“ made by Rheinhessen
Als mitentscheidend für die überregionale Verbreitung sollte sich der Amerikanische Bürgerkrieg (1861 bis 1865) erweisen, in dem auch deutsche Einwanderer kämpften. Nach geschlagener Schlacht kreiste so manches Bier um das abendliche Lagerfeuer und leistete damit Mundpropaganda im besten Wortsinne. Die Menschen wollten Bier – und sie bekamen es. Dank der verbesserten Infrastruktur und der Verbreitung des Pasteurisierungsverfahrens konnte Bier bald auf Straßen, Schienen und Schiffen in alle Winkel der USA (und darüber hinaus) transportiert werden. Überall trank man „Lager“ made by Rheinhessen. „Um 1900 war die amerikanische Brauindustrie fest in deutscher Hand – und das bedeutete weitestgehend: in rheinhessischer Hand“, konstatiert Schmahl.
Neben den zahlreichen kleinen, mittleren und größeren Brauereien begründeten einige besonders gewitzte und bestens vernetzte Unternehmer wahre Bierdynastien. Dazu zählt der Mainzer Joseph Schlitz, der nach seiner Migration 1855 in Milwaukee zunächst als Buchhalter in einer Brauerei arbeitete, bevor er dort überaus erfolgreich selbst das Ruder übernahm. Zwar kam er 1875 bei einem Schiffsunglück ums Leben, doch seine Neffen führten den Betrieb erfolgreich weiter: Allein 1880 produzierte die „Schlitz Brewing Company“ 250 000 Hektoliter Bier. Eine unglaubliche Menge.
In dieser Liga spielte auch der Thüringer Schiffskapitän Frederick Pabst, der 1862 in Milwaukee Maria Best, Tochter des gebürtigen Mettenheimers Philipp Best, ehelichte. Dieser leitete damals mit großem Erfolg die von seinem Vater gegründete Best-Brauerei. Nach Bests Tod baute Pabst das Unternehmen binnen weniger Jahre zur zweitgrößten Brauerei der USA aus – mit einem jährlichen Bier-Produktionsvolumen von 150 000 Hektolitern.
Die Schaumkrone unter den Bierkönigen des 19. Jahrhunderts gebührt aber Adolphus Busch aus Mainz-Kastel. Er war nach St. Louis, Missouri, ausgewandert, wo er 1861 Lilly Anheuser, Tochter des aus Bad Kreuznach stammenden Brauereibesitzers Eberhard Anheuser, heiratete. Bald darauf installierte sein Schwiegervater ihn als Teilhaber, bevor der findige Busch Präsident des Unternehmens wurde.

Niedergang erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Als besonders genialer Coup erwies sich sein „Budweiser“, das sich als das meistverkaufte Bier der USA etablieren sollte. „Dieses Pils nach böhmischer Brauart galt damals als Creme de la Creme des Bieres“, sagt Schmahl. Zudem wendete er als erster Brauer die Pasteurisierung in den USA an – ein Quantensprung. „Er hat auch einen Manager reingeholt, den Vertrieb stramm organisiert, eine eigene Bahnlinie gegründet und unheimlich viel in die Werbung investiert“, berichtet Birk. Zudem erweiterte er das Unternehmen um immer neue Geschäftszweige. Eine Taktik, die auch andere Großbrauereien verfolgten und die ihnen Anfang des 20. Jahrhunderts sogar das Überleben sichern sollte. Denn während die Prohibition den meisten der bis dato so erfolgreichen Brauereien in den USA den Garaus machen sollte, konnten sich die Marktführer auf andere Produkte konzentrieren: Busch verkaufte beispielsweise das Malzbier Bevo, Schlitz setzte auf Limonade und Pabst hielt sich mit Käse über Wasser. „Nach 1933 haben sich die Großen den amerikanischen Markt aufgeteilt“, sagt Schmahl. „Im Wesentlichen waren das Anheuser-Busch, Schlitz und Pabst.“

Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ereilte Pabst und Schlitz der wirtschaftliche Niedergang. Die Produktionen wurden geschlossen beziehungsweise ausgelagert, sodass von beiden Brauereien heute nur noch die Biermarken existieren.
Der Erfolg von Anheuser-Busch indes ist ungebrochen. Als weltweit größtes Bierimperium rangiert es noch heute vor der Miller Brewing Company. Die hatte 1850 der Württemberger Frederick Miller in Milwaukee aus der Taufe gehoben, indem er Charles und Lorenz Best deren „Plank Road Brewery“ abkaufte. Best? Ja, genau – Charles und Lorenz waren Brüder von Philipp Best und stammten wie er aus Mettenheim, Rheinhessen.


Zitat

HEIMATVERBUNDEN

Trotz des Erfolgs in den USA blieben viele Brauer ihrer Heimat verbunden. So unterstützte Adolphus Busch die Kasteler Opfer des Rheinhochwassers von 1882 mit großzügigen Spenden. Zudem errichtete er in Lindschied (Bad Schwalbach) für seine Familie und sich eine großzügige Sommerresidenz. In der nach seiner Frau benannten „Villa Lilly“ werden heute suchtkranke Menschen therapiert.

Catherine Seipp, Tochter von Brauer Johannes Orb, stiftete das Luther-Fenster in der evangelischen Kirche Westhofens.

Weitere Brauer
Die Liste der (Rhein-)Hessen, die im 19. Jahrhundert als Brauer in den USA ihr Glück fanden, ist unüberschaubar. Dazu zählen unter anderem:

Michael Sieben (Ebersheim/Chicago) war Mitbegründer des Amerikanischen Brauereiverbands.

Jakob Obermann (Selzen/Milwaukee). In seinem Todesjahr 1887 umfasste seine Brauerei einen kompletten Straßenblock und produzierte über 50.000 Hektoliter Bier pro Jahr.

Conrad Seipp (Langen/Chicago) führte gemeinsam mit seinem Schwiegervater Johannes Orb (Westhofen/Chicago) die „Seipp Brewing Company“. Zu Seipps Tod 1890 wurde sein Vermögen auf acht Millionen US-Dollar geschätzt.

George Frey (Obersaulheim/Erie) gründete die erste Lagerbier-Brauerei Eries.

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Montag, 16. Oktober 2017, 17:54

New Holstein: Als Deutsche den American Dream erfanden

Millionen machten sich Mitte des 19. Jahrhunderts auf den Weg, und sie veränderten das Land: Deutsche in Amerika. Unter ihnen auch eine Gruppe aus Schleswig-Holstein. In Wisconsin gründeten sie den Ort: New Holstein. Wir waren dort und sind auf erstaunliche Geschichten getroffen.

Zitat

New Holstein in Wisconsin hat alles, was das amerikanische Leben braucht. Sechs Kirchen, drei Parks, in der MT Glass Bar trinken die Einwohner ihr Bier, bei Piggly Wiggly kaufen sie ihre Milch, und zum Arbeiten fahren sie ins etwa 100 Kilometer entfernte Milwaukee. Und auch wenn die goldenen Jahre der Klein-Stadt möglicherweise vorbei sind, der Stolz der Menschen auf ihren Ort ist unerschüttert. 1998 feierte man hier den 150. Geburtstag, es gab eine Parade, und ein Clown im rot-grün-gelben Kostüm fuhr mit weißen Handschuhen in einem Oldtimer durch die Straßen. „The Land of Peace and Plenty“ nennen sie die Stadt, das Land also mit viel Frieden und Weite, und das hat schon was zu bedeuten.

Man kann das alles bei einem Besuch im „Pioneer Corner Museum“ an der Main Street nachlesen, noch besser aber ist es, mit Terry Thiessen zu sprechen.
Der 70-Jährige ist New Holsteiner quasi von der Pike auf, er ist hier aufgewachsen, er ist hier verheiratet, er ist Mitglied der New Holstein Historical Society, und wenn er erzählt, dass seine Vorfahren aus Kiel stammen, meint er nicht den etwa sieben Fahrminuten entfernten Ort; dann spricht er tatsächlich über Kiel in Deutschland, das ist natürlich alles kein Zufall.
Denn anders als viele glauben, dominieren nicht etwa die Nachfahren von Engländern die USA, es sind Menschen mit deutschen Vorfahren, Menschen wie Terry. 60 Millionen Amerikaner geben heute an, von den insgesamt sechs Millionen deutschen Auswanderern abzustammen; das sind immerhin 20 Prozent der US-Amerikaner. Und vieles, was vermeintlich amerikanischen Ursprungs ist, ist auf das Engagement deutscher Einwanderer zurück zurückzuführen; Heinz Ketchup. Levi Strauss. Boeing. Budweiser. Und auch Donald Trump, der 45. Präsident der Vereinigten Staaten, ist Nachfahre von Auswanderern aus Deutschland, und wer weiß, vielleicht ist das ja eine Erklärung.

Terry spricht mit feiner Stimme und in ebenso fein einen austarierten Sätzen, und ist er um eine Antwort verlegen, kommt ihm seine Frau Karen zur Hilfe, die über sich selbst sagt: „I am a keeper of all“, was so viel meint wie: Ich halte hier alles zusammen; sie sagt es in einem Ton, der keinen Zweifel daran lässt.
Terry ist Nachfahre deutscher Auswanderer in der fünften Generation, und er will hier auch nicht mehr weg. „Wir haben hier alle viel Platz, und es ist ein sicheres Leben. Wer hier Kinder aufzieht, trifft eine gute Entscheidung.“ Er spricht aus Erfahrungen, er ist Vater von drei erwachsenen Kindern.

Dass nun ausgerechnet im fernen Wisconsin eine Art schleswig-holsteinisches Paralleluniversum existiert, ist einer Gruppe von 70 Schleswig-Holsteiner zu verdanken, die sich, enttäuscht und desillusioniert von der politischen Situation, im Jahr 1848 auf den Weg ins Unbekannte machten; es war das Jahr, in dem ein militärischer Konflikt um die Zugehörigkeit von Schleswig und Holstein entbrannte, in dem Karl Marx das kommunistische Manifest veröffentlichte, es war das Jahr einer scheiternden Revolution in Deutschland.
Die Norddeutschen reisten von Hamburg mit der „Brarens“ über den Atlantik, im Koffer jede Menge Zuversicht, und als sie am 12. Mai in New York landeten, hatten sie eine Reise von 14 zumeist angenehmen Tagen hinter sich.
Und so wenig, wie die Besetzung der Gruppe kein Zufall war (es waren hauptsächlich Intellektuelle); war es die Wahl des Landstrichs. Der Landsmann Ferdinand Ostenwald hatte sie nach Amerika gelotst, er hatte bereits Jahre zuvor seine Erfahrungen gemacht, und er war es auch, der der Siedlung den Namen New Holstein gab, weil die Gegend ihn an seine alte Heimat erinnerte, und weil er hoffte, über diesen Weg Nachzügler locken zu können.
In New Holstein erinnert heute ein Gedenkschild an jene Pioniere, zu lesen ist dort, wie „a small group of immigrants from the Schleswig-Holstein Area“ in der Abgeschiedenheit des Wilden Westens die politische Freiheit und ökonomische Möglichkeiten suchten, und in jedem Wort steckt Stolz auf das Errungene.
Auch Terry Thiessen lässt die Vergangenheit nicht ruhen; sie treibt ihn, sie fordert ihn, das ist Grund, warum er einen großen Teil seiner Zeit der Heritage-Arbeit widmet, warum seine Emailadresse mit dem Namen Frontier endet, Grenzland also, und das ist auch der Grund, warum er 1972 zusammen mit seiner Frau in der Heimat seiner Vorfahren reiste. Sie fuhren nach Kiel, sie fuhren nach Lübeck, sie besuchten Friedhöfe, sie besuchten besuchten Museen, 14 Tage später allerdings kehrten sie enttäuscht zurück; sie hatten nicht gefunden, was sie suchten, einen Hinweis auf die Vorfahren vielleicht. Und dass sie in einem Juni nach Deutschland in den Norden gekommen waren, es regnete, es stürmte, es war norddeutscher Sommer, das machte die Sache nicht besser.
Während man in Deutschland aktuell nun mit einiger Verwunderung und viel Unverständnis auf den fernen Nachbarn blickt, wird der einstige Verbündete hier von einer Woge der Sympathie getragen, das ist in New Holstein nicht anders als im nahen Kiel, auch die Stadt ein Erbe der Siedler. Die Main Street dort ist mit deutschen Fahnen geschmückt, und selbstverständlich gibt es ein Oktoberfest.
Deutschland ist in Amerika sehr angesehen“, sagt dazu Lavern Rippley, Deutsch-Professor am St. Olaf College in Northfield (siehe Interview weiter unten), und nichts anderes sagt Joachim Reppmann.
Reppmann ist zwar in Flensburg aufgewachsen, seit Jahrzehnten aber lebt er in den USA; deutsch-amerikanische Geschichte ist sein Lebensthema, er hat etliche Bücher zu dem Thema geschrieben, und in einer Abhandlung mit der Überschrift „Der Wilde Westen beginnt in Flensburg“ lässt er die Protagonisten jener Auswanderergruppe zu Wort kommen, die 10 000 Kilometer entfernt von ihrer Heimat ein New Holstein gründeten.

Sie seien vom Gedanken nahezu beseelt gewesen waren, mitten im „Urwald“ ein republikanisch-demokratisches Gemeinwesen aufzubauen, schreibt er; „nur zu gerne kehrte man dem autoritären System zu Hause den Rücken, um ein freies Leben führen zu können.“
Das amerikanische Holstein wurde dann auch für die ausgewanderten Holsteiner zum Glücksfall. Sie rodeten die Bäume, sie bauten Kirchen und Schulen, das erste Kind in New Holstein wurde am 4. Juni 1850 geboren; im Jahr 1880 zählte die Stadt bereits 400 Einwohner, viele hatten großen wirtschaftlichen Erfolg, und im Jahr 1870 ließ der erfolgreiche Unternehmer Herman Christian Timm ein Wohnhaus errichten, das heute den Namen Timm House trägt und ein Museum ist.
Wie aus der Zeit herausgefallen wartet es nun am Straßenrand; Autos ziehen vorbei; gegenüber baut die Firma M-B Companies Maschinen für den Straßenbau und drinnen sitzt Terry Thiessen und erzählt von der alten Zeit. „Die Deutschen haben das hier aufgebaut, und ich denke, wir bewahren ihr Erbe auf gute Weise“, sagte er.


Zitat

Das Projekt: Wie deutsch sind die USA

Es war eine der ersten großen Auswanderungswellen, damals im Hungerjahr 1817, die Menschen flohen von überall aus Deutschland; getrieben von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, in Amerika hofften sie auf eine neue Heimat. Sie kamen mit Schiffen und mit Planwagen, auf Ochsen und zu Fuß zogen sie weiter; häufig über Wochen und Monate, von New York, von New Orleans, von Philadelphia oder Charleston, immer tiefer in den Mittleren Westen.
Die Spuren, die die Aus(Ein)wanderer hinterließen, sind noch heute über überall zu finden; Städtenamen wie etwa Hannover, Bremen oder Berlin zeugen davon; auf den Friedhöfen überall finden sich ihre Gräber, und mit etwas Glück trifft man heute noch auf Amerikaner mit deutschen Vorfahren, die die Dialekte ihrer Vorfahren sprechen.
LN-Redakteurin Marion Hahnfeldt hat sich nun auf den Weg gemacht, die Siedlergeschichte nach zu verfolgen. Ihr Ziel ist es, wie sie sagt, herzufinden, wie deutsch die USA wirklich sind. Für ihr journalistisches Projekt setzte sie sich ein ehrgeiziges Ziel; 12 Staaten in 12 Wochen; knapp 10 000 Kilometer, und um ein Gefühl dafür zu bekommen, was es bedeutet, dem Ungewissen entgegen zu reisen,
startete sie wie einst die Siedler mit dem Frachtschiff von Bremerhaven, und auch gleich am Beginn hatte sie mit den Widrigkeiten der Passage zu kämpfen; statt wie geplant in New York zu landen, brachte das Schiff sie nach Charleston in South Carolina.
nzwischen aber ist Marion Hahnfeldt im Mittleren Westen angekommen; und nachdem sie bereits Pennsylvania, Ohio, Indiana und Illinois hinter sich gelassen hat, geht es von Wisconsin nun weiter nach Iowa, Nebraska, Kansas, Missouri, Kentucky über Virginia nach New York, wo ihre Reise Ende November endet.

Wer ihre Reise mitverfolgen möchte: www.threemonths.de


Zitat

Zahlen und Fakten
Nachdem 1607 in Jamestown, Virginia, 104 Siedler die erste englische Kolonie gegründet hatten, zog es immer mehr Einwanderer aus Europa nach Amerika. An der Südspitze Manhattans in New York steht nicht ohne Grund ein Denkmal für den Verleger Horace Greeley (1811 - 1872), der einst den Satz prägte: „Go West, young man“, Millionen folgten der Aufforderung. Die Auswanderung der Deutschen setzte im nennenswerten Ausmaß 1817 ein, Missernten und gestiegene Getreidepreise hatten für Hunger gesorgt; die größte Welle aber gab es zwischen Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts; allein im Jahr 1854 kamen 250 000 Deutsche; ähnlich viel waren es 1882. Die Deutschen prägten die Kultur des Landes; sie hatten wirtschaftlichen und politischen Erfolg.


Zitat

Alles Deutsche wurde verboten

Lavern Rippley war 50 Jahre Professor of German am St. Olaf Collage in Northfield, Minnesota. Gerade wurde er pensioniert, beschäftigt sich aber immer noch ausführlich mit dem Thema „German Americans“.

Sie haben viele Bücher zum Thema deutsch-amerikanische Auswanderung geschrieben, was hat Sie am meisten überrascht?
Dass so viele gekommen waren. Mehr als die Hälfte der Einwanderer von Minnesota, 60 bis 80 Prozent, haben etwa deutsche Vorfahren. Man behauptet immer, sie waren aus Skandinavien, aus Norwegen, aber das ist eine Legende, fast alle sind hier deutsch. Aus dem preußischen Deutschland kamen damals Millionen.

Und wie haben sie das Land verändert?
Das ist schwer zu sagen. Mit dem ersten Weltkrieg war die deutsche Sprache verboten worden, alles Deutsche wurde verboten, in Minnesota, Nebraska, Wisconsin, überall, Redakteure von deutschen Zeitungen wurden vor Gericht gestellt, es waren harte Zeiten, man dachte, wenn man den Menschen verbietet, deutsch zu sprechen, deutsch zu denken, dann gewinnen wir den Krieg. Niemand gab damals mehr zu, deutscher Abstammung zu sein. Damit verloren die Deutschen auch ihren Einfluss.

Und heute?
Interessieren sich viele für ihre Vergangenheit. Und interessanterweise ist man immer stolz darauf, wenn man deutsche Vorfahren hat. Der Stand der Deutschen heute ist sehr stark und positiv. Man ist lieber Deutscher als Franzose oder Engländer; man ist stolz darauf, Norweger oder Schwede zu sein, am besten aber ist es, deutsch zu sein. Das ist schon enorm.

Warum?
Das Land hat wirtschaftlichen Erfolg, dazu die Musik, zum Teil die Literatur. Und Angela Merkel hat das Bild sehr verändert. Man schätzt sie hier sehr.

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Freitag, 27. Oktober 2017, 20:13

Philadelphia, USA – Hauptstadt der Bierliebhaber

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Bier und USA – das passt nur bedingt zusammen. Viele sehen die USA als Heimatland des Whiskeys, denkt man an amerikanisches Bier, fällt einem in erster Linie nur Budweiser ein. Im Bundesstaat Philadelphia jedoch dürfte jeden deutschen Touristen ein Gefühl von Heimat überkommen. In der Ostküstenstadt mit dem dauerhaft warmen Klima sprießen Biergärten nach dem deutschem Vorbild und Brauereien nur so aus dem Boden.

Die Oktoberfest-Saison klingt gerade noch nach, und als deutscher Urlauber, der sich für einen Aufenthalt in den USA interessiert, ist Philadelphia ein ideales Reiseziel. Denn Bierkultur hat in der Ostküstenstadt eine lange Tradition, ist doch die älteste Brauerei des Landes in Pennsylvania beheimatet. Beer Gardens, wie sie in Amerika genannt werden, sind dort zahlreich vorhanden, und Brauereiführungen und Verkostungen werden von der Philadelphia Brewing Company regelmäßig angeboten. Ganz besonders blüht zur Zeit die amerikanische Craft-Beer-Szene auf; unzählige lokale Brauereien bringen ihr Erzeugnis unter die amerikanischen Biergärten. Das traditionell sehr patriotische Philadelphia, das für seine Gastfreundlichkeit und Offenheit bekannt ist, besitzt sogar einen eigenen amerikanischen Ableger des Oktoberfestes – in klassisch deutscher Montur wird dann vorwiegend deutsches Bier ausgeschenkt, und zwischen amerikanischen Country-Hymnen stehlen sich dann immer wieder deutsche Schlagermelodien.

Eine lange Tradition des Brauens
Es dürfte nicht überraschen, dass es deutsche Einwanderer waren, die hiesige Bierkultur in die Staaten exportierten. Busch, Pabst, Miller – die Namen der größten amerikanischen Biermarken haben deutschen Anklang – das ist kein Zufall. Selbst die älteste Brauerei Amerikas trägt den Namen Yuengling – es war nämlich David Gottlob Jüngling, der sein erlerntes Brauereihandwerk mit in die USA brachte und die erste hiesige Brauerei gründete, die bis heute noch in Familienhand ist. Aktuell wird die klassische Brauereikunst von der Craft-Beer-Bewegung erfasst. Individualität, Kreativität und amerikanischer Unternehmergeist haben eine neue Generation von Brauereien hervorgebracht, von der hiesige deutsche Brauereien aber nach wie vor profitieren. Wem also ein Trip in den USA vorschwebt, und erforschen will, welche Spuren deutsche Auswanderer hinterlassen haben, dem sei ein Trip nach Philadelphia ans Herz gelegt. Die Evil Genius Beer Company in Fishtown, die Chestnut Street im Stadtteil Old City oder die Philly Beer Week bieten zahlreiche Gelegenheiten dazu, sich ein beschauliches Plätzchen in einer der vielen Brauereien zu suchen, und ganz nach deutscher Tradition ein Lager, dunkles Hefe oder kühles Blondes zu bestellen. Prost!

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Freitag, 3. November 2017, 16:57

Die Wahrheit über Halloween

Halloween ist eine Erfindung der US-amerikanischen Süßigkeitenindustrie? Das stimmt nicht. Halloween ist ein alter keltischer Brauch? Das stimmt auch nicht. Die wahre Geschichte über Halloween ist die spannendste.

Zitat

Düstere Gestalten schleichen durch die Nacht vor Allerheiligen. Ihre Laternen sind hohle Kürbisse mit hässlichen Fratzen. Das Kerzenlicht taucht die Maskierten in ein unheimliches Licht. Gleich klopfen sie an deine Tür… Es ist Halloween - die fröhliche Horrornacht mit Spuk und Spaß. Das Fest, an dem sich alle gruseln dürfen und gleichzeitig dem Tod den Mittelfinger zeigen. Man verkleidet sich, streunt durch die Straßen, klingelt an Türen, ruft: "Trick or Treat!" Und dann wird auf unzähligen Partys gefeiert.
Allgemein wird gerne geglaubt, dieses US-amerikanische Spektakel sei reiner Kommerz - wie der Coca-Cola-Weihnachtsmann oder die Rosen zum Valentinstag. Und die Halloween-Industrie wird nicht müde, Plastikkürbisse und Gruselmasken auf der ganzen Welt zu vermarkten.

Seelen im Fegefeuer
Dabei steckt hinter dem Kommerz ein echter Brauch, dessen Ursprung jahrhundertealt ist, aber nicht, wie ebenfalls gerne behauptet, bei den Kelten liegt. Die hatten zwar Ende Oktober ihr "Samhain" - eine Art Erntedankfest zum Winteranfang - doch die Kirche, die im Mittelalter in ganz Europa das Sagen hatte, hatte genau auf diesen Termin das Allerheiligenfest gelegt.
Halloween leitet sich ab aus "All Hallows Eve" - dem Abend vor Allerheiligen. Man gedenkt der Toten, spricht Fürbitten aus. Den Toten soll es schließlich gut gehen. Die nämlich warten nach altem christlichen Glauben auf den Jüngsten Tag, der mit dem Wiedererscheinen Christi einhergeht. Im Frühchristentum glaubte man, dass dieser Tag schnell kommt. Was nicht geschah.

"Und dann", erklärt die Bonner Kulturanthropologin Dagmar Hänel, "fragte man sich immer häufiger: Was ist eigentlich mit den Seelen, was machen die? Kann man diese Zwischenzeit bis zum Jüngsten Gericht irgendwie sinnvoll nutzen?" Und so sei das Konzept vom Fegefeuer entstanden: Einer Art Zwischenstation zwischen Tod und Ewigkeit, in dem man anfängt, Sünden abzuarbeiten und sich zu reinigen.
Mit den armen Seelen im Jenseits gab es diesseits eine Verbindung. Dagmar Hänel: "Dieser Glaube ist in allen Religionen vorhanden: Wir können aufs Jenseits einwirken und umgekehrt. So beten wir den Rosenkranz, tun Gutes, spenden Almosen - und das wirkt direkt auf das Leiden der armen Seelen im Fegefeuer." So zog man im Mittelalter in der Nacht vor Allerheiligen von Haus zu Haus, um Gaben zu erbitten. In manchen ländlichen Gegenden in Deutschland hat sich der Brauch bis heute fortgesetzt: Junggesellen ziehen durchs Dorf, beten, singen und segnen und bekommen - erheischen - dafür Geld oder Speisen. In den USA ist dieser "Heischebrauch" zum Kinderspaß geworden: "Trick or Treat".

Ein Brauch verschwindet - aus Europa
Mit der zunehmenden kirchlichen Aufklärung im 18. und frühen 19. Jahrhundert seien die Kirchen angesichts der alten Bräuche skeptisch geworden und hätten manche sogar verboten, weiß Kulturanthropologin Hänel. Hinzu kam -im Zuge der Industrialisierung - ein dichteres soziales Netz, so dass nicht mehr so immens viel für die Armen gesammelt werden musste. "Der Brauch-Kontext verschwand. Bräuche haben ja was mit 'brauchen' zu tun. Bräuche gibt es nicht aus Spaß, sondern weil Menschen ein Bedürfnis danach haben." Mit der Bismarckschen Sozialgesetzgebung Ende des 19. Jahrhunderts fiel dieses Bedürfnis weg. Denn nun war der Staat für die Versorgung der Armen zuständig. So konnte es passieren, dass ein Brauch einfach abstarb.

"Transatlantische Rückwanderung"
Aber: ganz tot war der Brauch ja nicht. Die irischen Auswanderer nahmen den Halloween-Brauch im 19. Jahrhundert mit nach Amerika. Viel besaßen sie nicht, aber an ihrer Kultur hielten sie fest. Lars Winterberg, Experte für Historische Anthropologie und Europäische Ethnologie, glaubt, dass Halloween vor allem in den Einwanderervierteln der großen Städte gefeiert wurde. Und dass die Tradition auch in der neuen Lebenssituation der irischen Auswanderer weitergelebt werden konnte. "Integration funktioniert selten als Einbahnstraße", so Winterberg, "faktisch kommt es fast immer zur Vermischung migrantischer Kultur mit jener der Aufnahmegesellschaft."
So verbreitete sich der Halloween-Brauch in den gesamten USA. Zunächst eher als Kinderfest. Später wurde es "erwachsener", es gab die ersten Partys, die Kostüme, die Deko. Im Zweiten Weltkrieg und danach kam das Fest zurück nach Europa: In Deutschland stationierte US-Soldaten feierten Halloween. Die Deutschen nahmen es damals zur Kenntnis. Interessanter wurde Halloween, als es in Form von Kinofilmen und Serien nach Europa schwappte.

Eine wilde Mixtur aus allem, was untot ist
Trendsetter war "John Carpenter's Halloween". Ein Gruselklassiker, nach dem Halloween nie wieder so war wie vorher. Denn jetzt wurde einfach alles zusammengemixt: Horror, Zombies, Tod, Teufel, Hexen, Vampire, Dämonen, Spuk und Kinderspaß. Mittlerweile feierten selbst die traditionellen Iren Halloween auf amerikanische Art.
Jörg Fuchs, Europäischer Ethnologe an der Uni Würzburg, findet das absurd: "Halloween kommt nach Irland zurück. Man feiert in Irland ein amerikanisches Fest mit irischen Wurzeln, allerdings in amerikanischer Ausgestaltung."

Karnevalsersatz?
Seit zwei, drei Jahrzehnten scheint auch Deutschland vom Halloween-Virus befallen zu sein. In den Schaufenstern stehen orangefarbene Kürbisse mit Fratzengesichtern, an vielen Orten finden am 31. Oktober Halloween-Partys statt. Angesprochen wird vor allem das junge Publikum. Es wirkt fast so, als wolle die Karnevalsindustrie den Deutschen das Halloween-Fest aufzwingen. Jörg Fuchs hat dazu eine interessante Theorie: "1991 sind aufgrund des Irak-Krieges die Rosenmontagszüge ausgefallen. Eine Katastrophe für die Karnevalsindustrie, denen ist ein Millionengeschäft entgangen. Man suchte nach einem zweiten Standbein und überlegte, welches Fest man denn im Jahreslauf noch etablieren könnte. Seitdem kann man eine kommerzielle Blüte feststellen."
Viele Ältere in Deutschland beeindruckt das nicht. Gerade im Rheinland gibt es eine Alternative, die in wenigen Tagen beginnt: Am 11. November startet in den deutschen Karnevalshochburgen die "Fünfte Jahreszeit". Sie dauert bis Aschermittwoch - und basiert auf einem alten christlichen Brauch.

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USA 1980 - Florida 1989 - Südwesten 2004 - West-Kanada 2005 - Südwesten 2008 - Florida 2009 - Südstaaten 2009
Bei wahrscheinlich USA-Stammtisch Treffen dabei gewesen
Schöne Grüße
Otto

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Montag, 13. November 2017, 19:05

19.11.2017 - 18:00 Uhr - ZDF

Trachten, Tradition und Trump
Deutsche Auswanderer in den USA

Zitat

Über 45 Millionen US-Bürger gaben in der 2015 durchgeführten American Community Survey "German" als ihre Hauptabstammung an. Damit sind die Deutschamerikaner die größte ethnische Bevölkerungsgruppe in den Vereinigten Staaten.
Noch verblüffender ist, dass offenbar eine weitaus größere Zahl von US-Bürgern als bisher angenommen tatsächlich noch Deutsch spricht. Zum Beispiel in Texas. In den von deutschen Auswanderern gegründeten Orten New Braunfels oder Fredericksburg, auch "Fritztown" genannt, steht die "Vereinskirche" am Marktplatz, das Restaurant "Lindenbaum" ist gleich gegenüber dem Biergarten.

Mitten in dem vielleicht amerikanischsten US-Bundesstaat gibt man sich hier deutscher als mancher Deutsche. "Texanische Gastfreundschaft, deutsche Kultur", so lautet auch das Motto des alljährlich in New Braunfels stattfindenden Oktober-Wurstfestes. Immer mit dabei ist die Familie Dirks. Sie ist erst vor zwölf Jahren aus Elmshorn hierher ausgewandert und betreibt im Ort die deutsche Kneipe "Das Friesenhaus". Hier gibt es das Bier noch nach dem deutschen Reinheitsgebot, und es wird noch "dutch gesnackt", also deutsch gesprochen, in einem ganz eigenen deutsch-texanischem Dialekt.

Auch die Vorfahren von Präsident Trump kommen aus Deutschland. Vielleicht hat das dazu geführt, dass man hier im "deutschen" Süd-Texas mit überwiegender Mehrheit Trump gewählt hat. Nach einem Jahr Amtszeit des Präsidenten Trump schaut die "ZDF.reportage" bei seinen "deutschen" Wählern vorbei. Fragt nach, wie es sich so lebt im Süden von Texas, ob sie heute noch mit ihrer Präsidenten-Wahl zufrieden sind und wie sie aus der Ferne auf die alte Heimat Deutschland schauen.

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