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Otto

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Freitag, 26. April 2019, 18:34

Deutsche Auswanderer in den USA
Rostbratwurst „from behind the Iron Curtain“

Zitat

Es ist die Geschichte zweier Auswanderer: Der eine kam in den 90er Jahren aus München nach San Francisco, die andere aus Thüringen. Beide betreiben dort bis heute Restaurants mit Speisen aus ihrer Heimat: die „Suppenküche“ und das „Walzwerk“.

In San Francisco, Restaurant „Suppenküche“. Fabrizio Wiest, kurz Fabi, sitzt in seinem Büro am PC. In Jeans und T-Shirt. Auf dem Kopf ein Baseball-Cappy. Fabi war Grafiker in München. Vor 27 Jahren verließ er Deutschland in Richtung USA. Die Idee, in Kalifornien ein deutsches Wirtshaus zu eröffnen, sei damals nicht von ihm selbst gekommen, erzählt er. Sondern von einem Nachbarn, der leidenschaftlicher Hobbykoch war.
„Dann Anfang der Neunzigerjahre sind wir hergekommen. Und das war nach dem alten Bush, da war hier ein bisschen Rezension. Deswegen war es billig. Und deswegen konnten wir da einsteigen.“
Fabrizio Wiest wuchs in Niederbayern auf. Sein Großvater betrieb dort eine kleine Brauerei. Klein Fabrizio durfte dabei sitzen, wenn die Erwachsenen in der Bierstube aßen, tranken und sich unterhielten. In der „Suppenküche“ wollte er das gemütliche Ambiente aus seiner Kindheit in Bayern nach San Francisco bringen. Im Schankraum stehen echte Wirtshaustische.
„In Amerika sitzt du an einem Vierertisch oder Zweiertisch mit deiner Freundin oder mit deiner Familie. Und bei uns war das gleich von Anfang an, dass dann sehr konservative Leute mit sehr unkonservativen Leuten dann plötzlich am Tisch saßen – und die hatten dann am Ende doch Spaß miteinander.“

Hammer und Zirkel in San Francisco
Im Schankraum ist es voll geworden. Die Gäste rücken zusammen. Die meisten von ihnen haben irgendeine Verbindung zu Deutschland. Auch die Frau, die mit Mann und Tochter an einem Tisch sitzt. Ihre Großmutter sei Deutsche gewesen, erzählt sie. Sie kämen hier wegen des Biers und der Käsespätzle. Und ihre Tochter sagt, dass sie die Laugenbrezeln liebt. Ihr Mann, Amerikaner, wagt sich daran, die Speisekarte auf Deutsch vorzulesen:
„Tageskrate: Würstchensuupe mit Würschtelchen. / Geberzter Lachs mit Gurken / Kapernschlaunzen mit Gemmuschkratzmemory / Sauerkraut…“
„‘Suppenküche‘ – da ist ja überall jetzt was los. Die ganze Straße hat sich ja entwickelt“, sagt Christiane Schmidt. Die gelernte Cocktail-Mixerin kam 1996, drei Jahre nach Fabrizio Wiest, nach San Francisco und arbeitete in dessen Suppenküche, bis sie ihr eigenes Restaurant eröffnete: das „Walzwerk“.
Käsespätzle und Sauerbraten stehen auch hier auf der Speisekarte, aber auch Soljanka und Thüringer Bratwurst. Die Gerichte aus der Heimat von Christiane Schmidt und Isabell Mysyk, mit der sie vor 20 Jahren das ostdeutsche Restaurant eröffneten.
„Wir haben den Laden aufgemacht. Sechs Wochen nur Lunch zum Probieren. Das war natürlich nicht super voll. Aber sobald wir zum Dinner aufgemacht haben, ging es los. Wir waren in der Zeitung gleich danach. Und wie war die Überschrift: ‚Food from behind the Iron Curtain‘.“
„Speisen von hinter dem Eisernen Vorhang.“ DDR in Kalifornien: ein Restaurant mit original ostdeutscher Einrichtung. In Vitrinen liegen Spielzeug-Trabis neben DDR-Verdienstmedaillen. „Erisch“ Honecker und Kosmonaut Sigmund Jähn lächeln auf Fotos von den Wänden. „Schöner unsere Städte – mach mit.“ Eine Tafel mitten im Restaurant, mit Hammer und Zirkel und Ährenkranz.
„East German restaurant in San Francisco“ wirbt das „Walzwerk“-Restaurant online. „Sie verlassen den amerikanischen Sektor“ warnt an der Eingangstür ein Blechschild, original aus der DDR. Innen an der Wand hängt eine riesige Abbildung vom Emblem der Thüringer „Maxhütte“, der das Restaurant seinen Namen verdankt.

Hat Trump ihr Leben verändert?
Fabrizio Wiest hat erlebt, wie die beiden ostdeutschen Frauen im Westen der USA ankamen. „Christiane und Isabell fanden das natürlich irre. Die haben sich ein Zimmer gemietet. Und waren dann nur vorm Fernseher, um erst mal Englisch zu lernen. Und dann haben sie sich verrückte Kleidung gekauft. Und Christiane hat dann auch in der ‚Suppenküche‘ angefangen, Bartender zu machen. Und haben dann später ihre eigene Sache gemacht.“
Zehn Jahre lang betrieben die beiden Frauen danach erfolgreich ihr eigenes Restaurant, das mit Relikten und Insignien der untergegangenen DDR spielt. Dann stieg Isabell Mysyk aus. Sie arbeitet inzwischen in San Francisco als Ingenieurin, erzählt Christiane Schmidt, die das „Walzwerk“ allein weiterführt.
„Na, dann bin ich schwanger geworden. Und dann habe ich einen zweiten Laden aufgemacht. Die ersten Mietergespräche habe ich mit meinem Baby auf dem Arm geführt. Das ‚Schmidt‘ habe ich aber jetzt zugemacht, weil ich eine super hohe Mieterhöhung bekommen habe.“
Die Lebenshaltungskosten klettern in San Francisco in Schwindel erregende Höhen. Vor allem wegen des nahen Silicon Valley, wo viel Geld verdient wird. Als der west-, genauer: süddeutsche Fabrizio Wiest und die ostdeutsche Christiane Schmidt in die USA übersiedelten, herrschten andere politische Verhältnisse – mit Bush Senior und Bill Clinton als Präsidenten. Hat die Wahl von Trump ihr Leben in Kalifornien verändert?
„Im Grunde genommen sehe ich es gar nicht so negativ nach dem langweiligen immer Ja sagen in der Zeit von Obama. Dadurch, dass wir jetzt so jemanden haben, der so radikal in seiner Weise ist, weckt das natürlich auch viele Leute auf, die dann sagen: Das wollen wir nicht unbedingt.“
„Acht Jahre mit Obama oder davor Bush oder Clinton oder jetzt Trump: Ich habe für mich persönlich weder Nachteile noch Vorteile. Ich muss so viele Steuern bezahlen – und im Endeffekt bleibt nichts übrig. Und ich bin nur am Arbeiten. Da ist es egal, welcher Präsident dran war.“

Rückkehr in die Heimat nicht ausgeschlossen
Christiane Schmidt ist seit fünf Jahren alleinerziehend. Fabrizio Wiest ist verheiratet und hat drei Kinder. Auch der Mitbegründer seines Restaurants ist schon vor langer Zeit ausgestiegen. Mit seinem jetzigen Geschäftspartner hat er nahe der „Suppenküche“ einen Biergarten eröffnet und ein zweites Restaurant mit Blick auf die Golden Gate Bridge.
„Ich hatte schon Heimweh, aber ich war immer dermaßen beschäftigt hier dadurch, dass ich hier jeden Tag in meinem eigenen Wohnzimmer stand, und tausend Leute kamen. Als Grafiker wäre das ein bisschen langweilig geworden auf Dauer. Mein Traum wäre, später mal auf einer Ranch zu sein und was ganz einfaches zu machen.“
Nach Deutschland zurückzukehren – für Fabrizio Wiest ist das kein Thema. Für Christiane Schmidt dagegen schon. „Es wäre für mich auch noch mal eine schöne Herausforderung, was anderes zu machen. Weil ich weiß, dass ich hier in Kalifornien nicht in Rente kann. Es ist zu wenig. Würde wahrscheinlich nicht mal für die Miete reichen.“
In zwei Jahren, wenn ihre Tochter mit der Mittelschule fertig ist, will Christiane Schmidt mit ihr nach Berlin ziehen, wo sie zuletzt vor ihrem Umzug in die USA gelebt hat. Zunächst wird das eine Rückkehr auf Probe sein. Für das „Walzwerk“ will sie einen Geschäftsführer anstellen.
„Ich lebe hier seit 22 Jahren und ich liebe Kalifornien und ich liebe auch San Francisco. Das wird immer mein Home sein, egal wie es sich verändert.“
Doch nicht nur materielle Gründe ziehen Christiane Schmidt wieder gen Osten: Mit den Jahren, meint sie, sei ihre Sehnsucht nach ihrer alten Heimat, nach Deutschland, größer geworden.
„Und jetzt habe ich aber zwei Zuhause. Das ist okay.“

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Sonntag, 28. April 2019, 20:41

Sauerkraut

Erst belächelt, dann höchst beliebt

Als im 18. Jahrhundert die ersten „Pfälzer“ in Amerika ankamen, hatten sie auch den vergorenen Kohl im Gepäck. Zunächst rümpfte die feine Gesellschaft die Nase, kam aber schnell auf den Geschmack. Eine kleine Kulturgeschichte des Sauerkrauts von Helmut Seebach.

Zitat

Auf seiner Fahrt durch die Pfalz fühlt sich Fred Fischlein aus Colorado Springs durch ein „kulinarisches Ereignis“ in seinem Urteil über die Deutschen bestätigt. Als der seit Kurzem in Ramstein stationierte US-Soldat auf einem Weinfest an der Deutschen Weinstraße eine Bratwurst bestellt, bekommt er neben Brot auch Sauerkraut als Beilage. „The German Krauts deserve the right name“, lacht er – und probiert zögerlich von dem dampfenden, säuerlichen Gemüse. Aber kann man das heute wirklich noch so sagen wie Fred Fischlein: Dass die Deutschen ihren Namen „Krauts“ zurecht tragen?
Sicher ist: Das Schimpfwort „Krauts“ für die Deutschen gehörte neben anderen wenig schmeichelhaften Bezeichnungen zum Standardrepertoire der amerikanischen Soldatensprache in beiden Weltkriegen. Das ist nach Ausweis des „Dictionary of American Slang“ für 1918/19 erstmals belegt. Im Zweiten Weltkrieg betrieb eine der Propagandaabteilungen der US-Armee die Sprachlenkung dergestalt, dass „kraut“ und „kraut head“ ausgewählt wurden, weil es dem Feind weniger Würde gäbe.
In einem Artikel der Zeitschrift „Saturday Review of Literature“ vom 24. Oktober 1945 taucht die Bezeichnung mit Bezug auf den 8. Mai 1944, den Tag der amerikanisch-alliierten Invasion in der Normandie, wieder auf, im Soldatenslang auch schon vor 1944. „Krauts“ trägt bis heute zur Klischeebildung über die Deutschen bei, wie das Verhalten des nach Ramstein versetzten GI Fred Fischlein zeigt.
Wie konnte es dazu kommen, dass bis heute mit aller Selbstverständlichkeit alle Deutschen weltweit mit dem Spottnamen „Krauts“ bedacht werden? Der Grund liegt darin, was bei den „deutschen“ Einwanderern in die USA auf den Tisch kam.
Bis 1775 waren rund 90 000 „Deutsche“ im Hafen von Philadelphia gelandet. Die Zahl der Einwanderer aus dem Gebiet der Pfalz war so groß, dass schließlich alle Neuankömmlinge „Palatines“, also: Pfälzer genannt wurden – ganz gleich, aus welchem Land sie eigentlich kamen. „Palatines“ kann aber nicht als ethnisch-kulturale Kategorie für ‚Pfälzer‘ gelten.
„Palatines“ als Gruppenbezeichnung ist der englisch-irischen Behörden- und Amtssprache entsprungen und bezeichnet beim Migrationsvorgang lediglich die letzte Station vor der Ausreise in das neue Land. Mehr als 30 000 urkundlich verbürgte und damit namentlich bekannte Schweizer ließen sich im Zeitraum zwischen 1650 und 1750 oft nur vorübergehend in dem Ein- und Auswanderungsland Pfalz am Rhein nieder. Als „Palatines“ galten in der Neuen Welt somit auch Deutsch sprechende Migranten, die die Pfalz wieder verlassen hatten. In Wirklichkeit aber sind in Pennsylvania gestrandete „Palatines“ oder „Pfälzer“ in aller Regel originär kulturell geprägte Schweizer. Dies zu erkennen und anzuerkennen, ermöglicht der europäischen Ethnologie völlig neue Einsichten.
Die größte und am meisten die Kultur in der Neuen Welt prägende Gruppe bildeten diejenigen, die ursprünglich als reformierte Religionsflüchtlinge aus der Schweiz kamen. In Lancaster County in Pennsylvania etablierten sie eine „zweite Schweiz“ nach den kulturellen Mustern ihrer alpinen Heimat. In zahllosen Schriftzeugnissen aus dem 18. Jahrhundert werden sie ausdrücklich als „Swiss Germans“ gekennzeichnet. Die gleichzeitig in Pennsylvania siedelnden Briten befürchteten schon bald ein Übergewicht des deutschen Elements. So machte sich der große Staatsmann Benjamin Franklin zum Fürsprecher seiner englischen Landsleute, als er 1751 schrieb: „Warum sollen wir leiden, dass die Pfälzer Bauernlümmel (Palatine Boor) sich um unsere Ansiedlungen drängen und ihre Sprache und Sitten befestigen zum Verderben der unsrigen und uns germanisieren.“
Besonders auf einem Gebiet zeigte sich ein Germanisierungsprozess. Der britische Bevölkerungsteil in Pennsylvania konnte den Verlockungen der Schweizer-Pfälzer Küche nicht länger widerstehen. In der Winterzeit, wenn frisches Gemüse fehlte, galt Sauerkraut als wichtigstes Gemüse auf dem pennsylvanisch-pfälzischen Tisch. Eine Zeitung stellte 1865 seinen Einzug in die amerikanische Esskultur fest: „Sauer Kraut, years ago, was considered a dish for ‚blebeians‘ only, but it had gradually worked its way forward, and is rapidly becoming fashionable among the ‚patricians‘.“
Die Jahre, als man sich über den teutonischen Fraß mit seinem durchdringenden Geruch und seiner unappetitlichen Zubereitung – das frischgeschnittene Kraut stampften die Mädchen und Frauen mit ihren nackten Füßen ein – amüsierte, waren endgültig vorbei. Es war auf einmal in allen sozialen Schichten chic geworden, Sauerkraut zu essen. In einem Artikel mit dem Titel „Saur-Kraut and Speck“ aus dem Jahre 1869 stand zu lesen: „Die Deutschen haben uns schnell zu einer Sauerkraut essenden Nation gemacht. Noch vor wenigen Jahren wurde das teutonische Gericht von der Masse der Möchte-gern-feinen Leute verachtet, es passe nicht zu ihren Tafelfreuden. Man dachte, dass nur rohe Emigranten und ungebildete deutsche Bauern Sauerkraut essen würden. Jetzt laden die großen Hotels in den Städten zum Sauerkraut-essen ein, wenn sie ein volles Restaurant haben wollen.“
Deutsch-englische Satiren nahmen einen großen Teil in den politischen Kampagnen zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Amerika ein. Als es schließlich 1808 mit Simon Snyder einer der „dummen Deutschen“ in Pennsylvania erstmals zum Gouverneur brachte, war dies erst recht ein willkommener Anlass, sich in politischen Satiren über Sauerkraut und die deutsche Bevölkerung lustig zu machen. „Sauerkraut“ wurde zwar zum politischen Schlagwort, das auf Deutsche zielte, aber nicht traf, denn es besagte nichts anderes, als dass die Deutschen Sauerkraut essen. Sauerkraut und Deutsch wurden zu identischen Begriffen, wie auch die gleichnishafte englische Phrase „as Dutch as sauerkraut“, also: ‚deutsch wie Sauerkraut‘, zeigt. Als Schimpfwort für einen Deutschen erscheint „Sauerkrauter“ erstmals 1869 in einer amerikanischen Zeitschrift.
Doch die Deutschen waren nicht nur Ziel des Spotts, sondern eben auch wichtige Wähler. So berichten die Chronisten vom großen Leigh County-Picknick der Demokraten 1892, in dessen Verlauf den Gästen Sauerkraut aufgetischt wurde. Wir können sicher sein, dass auch die republikanische Partei auf ihren Parteiveranstaltungen in Pennsylvania sich in dieser Hinsicht ganz ähnlich verhalten hat – immerhin waren die Deutschen auch von ihnen umworbene Wähler.
In der 1991 erschienenen Nahrungsvolkskunde „Was der Pfälzer Bauer nicht kennt …“ wurden in einem eigenen Kapitel die Grundzüge der pfälzischen Küche dargelegt. Dabei schildert der Autor auch die „Pfälzischen Auswandererküchen“ wie die donauschwäbisch-pfälzische, die banater-pfälzische, die russisch-pfälzische und die pennsylvanisch-pfälzische Küche. In allen Küchen mit „Pfälzer“ Beteiligung entdeckte er die identische Gemüse-Gemüse-Fleischkombination als Grundkomplex in vielfältigen regionalen und lokalen Variationen auf dem Essenstisch: Sauerkraut, Kartoffeln und Schweinefleisch.
Die zentrale Stellung, die Sauerkraut als Grundeinheit der „pfälzischen“ Küche einnimmt, macht es als Paradigma geeignet, den Verlauf der im Ergebnis verschiedenen Akkulturationsprozesse im Lichte der pfälzischen Auswanderung nochmals näher zu betrachten. Im europaweiten Katastrophenjahr 1709 warteten mehr als 13 000 „Palatines“ in Notlagern bei London auf eine Überfahrt nach Amerika. Es war die Absicht der damaligen englischen Regierung, in Irland auswanderungswillige reformierte Emigranten anzusiedeln, um den Protestantismus in dem überwiegend katholischen Land zu stärken. Von den 3073 von England nach Irland verschifften „Pfälzern“, die durchweg kulturalisierte Schweizer waren, wurde die Mehrheit im County Limerick in den Distrikten von Rathkeale, Glenosheen, Ballyorgan, Bruff, Pallaskenry, Askeaton und später Adare angesiedelt.
Wenige Jahrzehnte nach der Besiedlung staunten fremde Besucher, dass große Speckseiten und Schinken von den Dachsparren der Kolonistenhäuser hingen. Wie in allen anderen Auswandererländern galt auch den Pfälzern in Irland Schweinefleisch und Sauerkraut als Leibspeise. Sie waren die ersten, die deswegen Kohl in Irland pflanzten, den die Iren bis heute „German cabbage“ oder „Palatine cabbage“ nennen. Und vermutlich geht der verstärkte Kartoffelanbau in Irland auch auf die ursprünglich aus der Schweiz stammenden Neubürger zurück.
Bereits 1732 ist in der von Benjamin Franklin gegründeten „Pennsylvania Gazette“ zu lesen: „Ein Schiff aus Rotterdam mit auswanderungswilligen ‚Palatines‘ an Bord strandete nach einer Odyssee von 24 Wochen an der Küste von Neu England. Die Vorräte gingen zur Neige und die letzten acht Wochen hatten sie kein Brot mehr zu essen, aber die Zuteilung von einem Pint (Halbliterkrug) Sauerkraut für fünf Personen am Tage ließ ‚nur‘ 100 von 150 Passagieren jämmerlich verhungern.“
Die zentrale Bedeutung des Sauerkrauts in der alten Schweizer und der pennsylvanischen Küche zeigt sich zudem in einem archaisch anmutenden Gericht. Der Verfasser des Buches „Sauerkraut Yankees“ (1983), William Woys Weaver, fragt in einem ergänzenden Artikel mit dem Titel „Pennsylvania Dutch Identity and the Sauerkraut Grenze“ nach der Herkunft des pennsylvanischen Gerichtes „Gumbis or Gumistopp (a term derived from the Latin compositum) which was found mostly in families of higher economic means even though it was treated a one-pot meal.“ Ein Blick in das Schweizerische Idiotikon hätte dem amerikanischen Nahrungsmittelhistoriker eine Antwort auf seine Frage gebracht für diesen Eintopf, der ein „baked layered shredded cabbage dish“ ist. Dort steht nämlich: „Gumpist, -isch, -is. Eingemachtes, besonders eingemachter Kohl, Sauerkraut.“
Die Milchsäueregärung durch Salz als Konservierungsmethode für Futter- und Lebensmittel war historischen Gesellschaften in der Schweiz schon etwa seit dem Jahr 1500 bekannt. In alpinen Regionen, wo der Winter ein halbes Jahr dauern konnte, ergänzte Sauerkraut auf willkommene Weise die Nahrungsvorräte. Allerdings wurden ursprünglich nicht etwa Kohl, sondern großblättrige Ampferarten – „Blacken“ genannt – an Tiere verfüttert.
Die Sauerkrautgärung wird heute weltweit vorzugsweise auf den Weißkohl (lat.: Brassica oleracea var. capitata alba) angewendet. Das Produkt daraus heißt in der alemannischen Schweiz kurz „Surchrut“. Das deutsche Wort ist als „Choucroute“ ins Französische übergegangen. Die Pfälzer Schlachtplatte, die elsässische Choucroute garnie (mit Würsten und Fleisch garniertes Sauerkraut) und die Berner Platte sind regionale Varianten des Grundkomplexes der oberdeutsch-alpinen Küche mit dem charakteristischen untrennbaren Trio: Schweinefleisch, Kartoffeln und eben: Sauerkraut.
Schweizer Auswanderer haben nach dem Dreißigjährigen Krieg diese Küchentradition in ihrer jeweils neuen Heimat begründet. So wurde Sauerkraut von einem aus der Not erfundenen Schweizer Winter-essen zur europäischen Küchentradition mit einem atlantischen Ausläufer. Es ist zugleich eine Begleiterscheinung der größten Massenmigration der Neuzeit, die sich aufgrund religiöser Intoleranz und Verfolgung ereignete. Esskultur als Folge europäischer Religions- und Migrationsgeschichte. Dies war nur möglich, weil die Schweizer Reformation im Gegensatz zur „wittenbergischen“ nicht allein nur eine Glaubens-, sondern auch eine Lebenserneuerung darstellt.

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Sauerkraut Yankees - recipes from an 1848 Pennsylvania Dutch cookbook
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Dienstag, 18. Juni 2019, 19:23

Viele sprechen noch plattdeutsch

In der Ausgabe vom 16. Januar 1971 erschien ein Bericht über die Gründe dafür, dass im 19. Jahrhundert immer mehr Menschen ihrer Heimat den Rücken kehrten und in den USA ein neues Leben begannen. Unter ihnen W. Kuckhermann, der mit anderen New Knoxville gründete.

Zitat

Der Bericht im Wortlaut: „Wie aus vielen anderen deutschen Landschaften, so setzte um das Jahr 1830 auch aus dem Tecklenburger Land die Auswanderung deutscher Menschen ein. Verschiedene Gründe waren es, die sie bewirkten. Ein Bericht des ehemaligen Tecklenburger Landrats von Diepenbroick-Grüter vom 24. März 1854 an die königliche Regierung in Münster nennt insbesondere die folgenden drei Ursachen, die die Auswanderung tecklenburgischer Bürger verstärkten, nämlich wenn 1. der politische Horizont bewölkt und der Frieden irgendwie bedroht erscheint; 2. wenn die Preise der Lebensmittel infolge schlechter Ernten steigen und 3. tecklenburgische Auswanderer von ihren Neuansiedlungen zum Besuch in die Heimat zurückkehren und, kalifornisches Gold oder amerikanische Dollar vorzeigend, von dem Glück berichten, das sie und ihre Bekannten in der Neuen Welt gemacht haben.
m Tecklenburger Land wurden besonders die Bewohner der sandigen Flächen im Süden des Kreises gezwungen, sich nach neuen Lebensmöglichkeiten umzusehen. Lienen und Ladbergen waren es daher, die im vorigen Jahrhundert eine besonders starke Abwanderung zu verzeichnen hatten. Der ganz überwiegende Teil dieser Menschen ging in die USA und – soweit es Ladbergen betraf – in den Nordwesten des Staates Ohio.
In dieses Gebiet, welches noch bis 1810 von Indianern unter Häuptling Tecumseh besiedelt war, gelangte 1834 als erster Ladberger Wilhelm Kuckhermann (geboren am 12. November 1813 auf dem jetzigen Hof Hölscher-Kuckhermann in Overbeck). Er fand Arbeit beim Bau des Miami-Erie-Kanals, der durch das westliche Ohio verlief, und hatte 1835 eine erkleckliche Summe Geldes verdient, die er mit Ladberger Sorgfalt anzulegen trachtete.
So war ihm willkommen, als er eines Tages im benachbarten Ort Neu-Bremen, in dem er wohnte, den Iren Mr. John Lyttle Knox traf. Dieser bot ihm einen Teil seines nördlich Neu-Bremens gelegenen Waldgebietes an. Ende 1835 schlug W. Kuckhermann ein: Damit war der Kauf perfekt. Kuckhermann dachte nun an seine Freunde im fernen Ladbergen, die er vom Kauf unterrichtete und einlud, doch ,rüberzukommen‘. Drei von ihnen folgten der Einladung unverzüglich: H. Fledderjohann, H. Lutterbeck und H. Meckstroth. Diese vier ließen am 21. Juli 1836 ihre Siedlung als neuen Ort amtlich eintragen, nachdem sie vorher in ihrer Freizeit zwei Schneisen durch das Waldgebiet geschlagen und am Kreuzungspunkt ein Holzhaus für sechs Familien errichtet hatten. Inzwischen waren auch erste ganze Familien aus Ladbergen gekommen, die dieses Haus voll bewohnten. Alle Männer dieser Familien fanden beim Kanalbau guten Verdienst.
Die Neusiedler hatten die Absicht, ihren Ort Neu-Ladbergen zu nennen. Als sie dieses Vorhaben aber nach Ladbergen berichteten, rieten die dortigen Freunde ab: ,... in Ladbergen, Deutschland, gibt es keinerlei Fortschritt: wenn Ihr Euren Ort in Amerika Neu-Ladbergen nennt, ist das ein schlechtes Zeichen für die künftige Entwicklung. Es wird auch dort keinen Fortschritt geben!‘ So mussten die amerikanischen Ladberger einen anderen Namen für ihre Siedlung suchen: Sie nannten sie New Knoxville, nach dem früheren Besitzer des Waldgebietes John Lyttle Knox.
In zwei Wellen erfolgte die Auswanderung von Ladbergen nach USA. Die erste ging von 1840 bis 1850 vor sich, die zweite zwischen 1860 und 1865. Einmalig ist dabei, dass nahezu alle Einwanderer von New Knoxville aus Ladbergen kamen. Dieses Phänomen und damit zusammenhängende Probleme bezüglich Religion, Sprache, Bräuche und so weiter war in letzter Zeit wiederholt Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen der Staats-Universität von Ohio in Columbus.
Dem Ladberger, der nach New Knoxville kommt, fällt auf, dass etwa 80 Prozent der Bewohner Ladberger Namen tragen. Und er ist überrascht, wenn er dort das alte Ladberger Platt mit den meisten Einwohnern sprechen kann.
Aus den zahlreichen Übereinstimmungen zwischen Ladbergen und New Knoxville resultieren heute zahlreiche Verbindungen zwischen Einwohnern beider Orte. In den letzten Jahren waren es etwa 20 New Knoxviller, die für kürzere oder längerer Zeit die Heimat ihrer Vorfahren besuchten, und für 1971 hat sich etwa die doppelte Zahl angemeldet, darunter auch die Familie des Mondfahrers Neil Armstrong, die kürzlich ihren Besuch für den Sommer ankündigte.“

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Mittwoch, 19. Juni 2019, 20:19

Deutsche Spuren in New Orleans

Auf Spurensuche nach deutschen Einflüssen gibt es in New Orleans viel zu entdecken: So deuten Familien- oder Ortsnamen auf die Einwanderungsgeschichte hin. Heute vermitteln der Verein Deutsches Haus und das Deutsch-Amerikanische Kulturzentrum die Immigrationsgeschichte.

Zitat

Ich bin mit Dietmar Felber unterwegs auf dem Friedhof Lafayette No. 1. Er unterrichtet Deutsch an der Toulane University. Der 1833 eröffnete Friedhof ist von vier großen Straßen und unzähligen kleinen Nebenstraßen durchzogen. An deren Rändern stehen Mausoleen aus weißem und grauem Stein. Tiny Houses für die Toten.
„Der John H. Felmadan. 1825 geboren, ist vermutlich so um die Jahrhundertmitte nach New Orleans gekommen. Ist 1877 gestorben. Er war ein Schuster. Aber wenn man hinten nachsieht, dann sieht man dass die ursprünglichen Einträge alle auf Deutsch waren. Nur ist es jetzt schon sehr verwittert und man kann es kaum noch lesen. Also hier oben. J. Heinrich Fellmadan. Der John Henry Felmadan, geboren in Hitzerode bei Hessen-Kassel. Geboren 1825, gestorben 1877. Das ist der Mann der vorne verzeichnet ist.“
„Es gab diese sehr frühe Immigration entlang der ‚Deutschen Küste‘, das war 1720 mit der Indischen Kompanie aus Frankreich. Aber die eigentliche Immigration war in den 1850ern. Nach der Deutschen Revolution.“
Brigitta Malm ist 1965 aus Deutschland nach New Orleans gekommen und geblieben. Eines ihrer Steckenpferde ist die Geschichte der Deutschen Immigranten und besonders des Turner Vereins.

Turngemeinde Turner’s Hall
Es gab sie in allen großen Städten der USA. Seit 1851 auch in New Orleans. Hier wurden frühsozialistische Ideen verhandelt. Ihre Mitglieder kamen mit der zweiten Einwanderungswelle. Viele von ihnen flohen vor den reaktionären Verhältnissen zu Hause und hofften auf ein neues, ein besseres Leben in einem demokratischen Land. In dessen Süden damals immer noch der Sklavenhandel florierte:
„Diese frühen Immigranten waren Bauern, im Unterschied zu denen nach der 48er-Revolution, das waren Ärzte, Anwälte und so weiter. Und das war ein großer Unterschied, das sieht man an den Bauten. Als ich 2001 feststellte, dass eines der schönsten Gebäude im Zentrum New Orleans von einem deutschen Architekten gebaut wurde, habe ich mich sehr gefreut. Heute befindet sich dort ‚Louisianas Stiftung für Geisteswissenschaften‘, aber es firmiert unter ‚Turner‘s Hall‘, das ist die Turngemeinde.“
Das Haus an der Ecke Lafayette und O‘Keefe Street ist ein imposanter Stadtpalast, dessen streng spätklassizistischer Stil sofort ins Auge fällt. Der Turner Verein nutzte das Haus gleichermaßen als Ort für die körperliche Ertüchtigung wie für politische und kulturelle Veranstaltungen:
„Wie in allen diesen Organisationen kamen sie mit einer vagen sozialistischen Idee. Tatsächlich gründeten sie aber eine Organisation für beides: Sie machten Gymnastik, fungierten aber gleichzeitig als Wohltätigkeitsorganisation. Sie kümmerten sich um Witwen, denen sie nach dem Tod ihrer Männer Geld gaben. Es gab Theateraufführungen und Konzerte an diesen Orten.“
Deutsche Vereine existierten in vielen Stadtteilen von New Orleans. Mitte der 1850er-Jahre stellten deutsche Einwanderer zwölf Prozent der Bevölkerung. Es gab unzählige deutsche Kirchen und Synagogen. Brauereien, Bäckereien und Beerdigungsinstitute. Zeitweilig erschienen über 70 Zeitschriften und Magazine auf Deutsch. Den meisten war aber nur ein kurzes Leben beschieden. Nur zwei überlebten das 19. Jahrhundert.

Deutschsein wurde unbeliebt
Die europäische Politik warf ihre langen Schatten immer auch auf die andere Seite des Großen Teichs. Die Kriege zwischen Deutschland und Frankreich im 19. Jahrhundert, die zwei Weltkriege im 20. Jahrhundert. Der Erste Weltkrieg führte zu einem vorübergehenden Publikationsverbot in deutscher Sprache und auch Unterricht in Deutsch war verboten. Viele Einwanderer wie Heinrich Feldaman, hatten ihre Namen da längst schon anglisiert. Oder wie die Familie Zweig ihren Namen in La Branche französiert. Deutschsein war nicht immer en vogue.
„Dann verloren all diese Organisationen, die Chöre, Liederkranz und andere ihre Mitglieder wegen des Ersten Weltkriegs. Damals entstand die Idee für das Deutsche Haus. Sie trafen sich alle und gründeten diesen Verein.“

Deutsches Haus öffnet seine Türen für die Öffentlichkeit
Nur wenige Gehminuten von der Endstation Park City der Canal Street Straßenbahnlinie entfernt steht das Deutsche Haus. Ein Neubau. Erst im November 2018 hat das Haus aus grauem Backstein, mit dem hohen, tief gezogenen Giebeldach, seine Türen für die Öffentlichkeit geöffnet. Rechtzeitig zum 90. Geburtstag des Vereins. Ich bin mit Denise Barnett in der großen Lagerhalle nebenan verabredet. Dort steht ein großer bronzener Bär. Auf seinem Kopf sitzt eine Baseballkappe; er trägt Lederhose:
„Der Berliner Bär. Die Stadt New Orleans bekam ihn vor 1992 geschenkt. Ich glaube, wir haben einen Zeitungsartikel, in dem steht, dass er den Seeleuten übergeben wurde und im Hafengebäude von New Orleans stand. Im August 1992 haben wir ihn bekommen, um ihm ein Zuhause zu geben und uns um ihn zu kümmern.“
Noch muss im neuen Haus der richtige Platz für den schwergewichtigen Gast aus Berlin gefunden werden. Einen Architekturentwurf für das neue Deutsche Haus zu finden, auf den sich alle Mitglieder einigen konnten, stellte sich als schwierig heraus. Auf jeden Fall sollte es kein bayerisches Fachwerkhaus werden. Aber welches deutsche Bautradition sollte sich in der Architektur widerspiegeln? Keine einfache Aufgabe, wie Jack Gonzales, der Vorsitzende des Deutschen Hauses erzählt:
„Wir wollen für alle, die kommen, wollen offen sein und allen die Erfahrung ermöglichen. Also gibt es untereinander häufig kleine Konflikte, etwas missfällt oder wir könnten ihre Region oder Gegend besser repräsentieren. Wir wollen das auch öfter versuchen. Die Herausforderung ist, dass die Meinungen unserer deutschstämmigen Mitglieder darüber, was das bedeutet, weit auseinander gehen. Wir kämpfen jeden Tag darum, zu versuchen, allen ein gutes Gefühl von Gemütlichkeit zu vermitteln.“
Für das leibliche Wohl ist natürlich auch gesorgt: Es gibt Bratwurst und Sauerkraut, Schnitzel und was die gutbürgerliche deutsche Küche sonst noch zu bieten hat. Es gibt eine große Fest- oder Bierhalle. Die auch für das große Oktoberfest genutzt wird, das jedes Jahr stattfindet. Mit Live Musik, Tanz und Dackelrennen. Wer will, kann einen Bierseidel aus einem reichhaltigen Angebot erwerben oder andere Souvenirs; ganz ohne nach Deutschland reisen zu müssen. Von 3D-Dirndl- und Lederhosen über Geschirrtücher mit Omas Weisheiten bis zu Tirolerhüten. Die Auswahl ist riesig. Und natürlich gibt es eine große Auswahl an importierten Bierseideln. All das zu finden, sei nicht einfach, erklärt Keith Oldendorf, der mich durch die Schatzkammer deutscher Souvenirs führt:

„Of course we have Biersteins, German festival wouldn‘t be complete without Bierstein. So we actually get these from the importer.“

„Oh, these German 3D realistic lederhosen. Wow.“

„Where do you get these things from?“

„Ah, it‘s, you kind of have to search a lot. It is not easy to find.“

Geschichte deutscher Einwanderung im Kulturzentrum
Für die Geschichte deutscher Einwanderer ist das Deutsch-Amerikanische Kulturzentrum zuständig.
Es liegt auf der westlichen Seite des Mississippi in Gretna. Hier treffe ich den stellvertretenden Leiter Ira Hopkins:
„Gretna wurde von Deutschen gegründet. Eigentlich hieß es Mechanicsham. Und es hieß Mechanicsham, weil der Besitzer der Destréhan Plantage Deutsche aus New Orleans hier rüber brachte. Denn das war der große Verladehafen und sie konnten sehr geschickt mit ihren Händen arbeiten. Sie bauten Zahnräder, Flaschenzüge und Dämme. Sie waren eigentlich Mechaniker. Deswegen nannte man die Gegend Mechanicsham. Denn hier haben sie sich niedergelassen.“
Im Kulturzentrum ist die deutsche Einwanderung vom frühen 18. Jahrhundert bis heute thematisiert. Ausgestellt ist all das, was die Einwanderer mit in die neue Welt brachten: Handgesticktes, Küchenutensilien, Bücher und Fotografien und vor allem ihre Sprache die sich in den Liedern der Chöre erhalten hat. Hier sind ihre Tonaufnahmen zu hören. Plakate deutscher Theater- und Ballettinszenierungen. Oder Biografien deutschstämmiger Politiker, Architekten oder Geschäftsleute, die das Leben und die Kultur in New Orleans über Jahrzehnte mit gestaltet haben. Viele von ihnen sind auf dem Friedhof Lafayette No. 1 zu finden.

„Leidenheimer. Das habe ich doch gestern gehört.“
„Ja, das kann sein, es gibt eine Bäckerei, die heisst so in New Orleans.“
„Immer noch?“
„Der Lieferwagen fährt immer noch durch die Stadtteile, auch die Gegend hier. Da steht Leidenheimer drauf. Leidenheimer Baker. Die macht French Bread.“

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Freitag, 5. Juli 2019, 20:31

Deutsche Spuren in Illinois

Zitat

Bis ins 20. Jahrhundert kamen viele Einwanderer aus Deutschland nach Illinois im Mittleren Westen der USA. Wie sehr sie dort das gesellschaftliche, geistige, kulturelle und vor allem kulinarische Leben prägten, erleben Reisende von Chicago bis in den tiefen Süden des Bundesstaates: So gibt es in Chicago ein deutsches Viertel, deutsche Geschäfte, Restaurants und Straßennamen wie die Goethe oder Schiller Street. Im Süden laden viele kleine Ortschaften zur Spurensuche ein – Sie tragen Namen wie „New Berlin“, „New Hanover“, „Augsburg“, „Darmstadt“ oder „Paderborn“.

Deutsches Viertel in Chicago
Spuren deutscher Architektur, deutsche Gerichte, deutsches Bier, Dirndl und ein echtes Stück Berliner Mauer gibt es in Chicago rund um den Lincoln Square zu entdecken. Auch der Dachverband „Deutsch-Amerikanischer National Kongress“, kurz D.A.N.K., ist im deutschen Viertel zu finden. Sein Kulturzentrum bietet neben einem kleinen Museum zur Geschichte der Deutschen in Chicago kulturelle Events sowie verschiedene Bildungsangebote, zu denen auch Deutschkurse zählen. Schräg gegenüber gibt es bei Gene's Sausage Shop echte Bratwürste und auf der Dachterrasse kühles deutsches Bier zu genießen. Wer auf der Suche nach deutscher Gemütlichkeit ist, wird in der zünftigen Huettenbar fündig oder feiert beim jährlichen Maifest oder German-American Oktoberfest mit, die hier zur liebgewonnenen Institution geworden sind.

Deutsche Braukunst und Küche im Mittleren Westen der USA
n Illinois gibt es viele Restaurants, die Elemente der traditionellen Deutschen Küche enthalten und sich in Regionen mit hohem deutschstämmigen Bevölkerungsanteil bis heute halten konnten. In Chicago bietet The Berghoff Restaurant Brauhausambiente und Volksmusik – gegründet vom geschäftstüchtigen deutschen Immigranten Herman Berghoff, der zur Weltausstellung 1893 an der Zugangsstraße zur Messe einen äußerst erfolgreichen Getränkestand betrieb.
Etwas außerhalb von Chicago in Rosemont ist im Hofbräuhaus Chicago Bayerische Lebensart und ein Maß original Münchener Hofbräu Bier mit bayerischen Schmankerln zu genießen. Der Rathskeller in Rockford, westlich vor den Toren Chicagos, gilt als eines der ältesten Restaurants mit deutscher Küche. Seit 1931 bietet das Restaurant mit Biergarten traditionelle deutsche Spezialitäten wie Sauerbraten, Jägerschnitzel und Thüringer Bratwurst an.
Weiter südwestlich in Moline, am malerischen Mississippi gelegen, werden ebenfalls authentische deutsche Gerichte und 37 Fassbiere in der Bierstube mit Biergarten serviert. In Peoria bietet das Peoria Hofbräu typisch deutsche Gerichte und reichlich deutsches Ambiente. Das Lokal hat zudem deutsche Biere, Weine, Liköre und andere Spirituosen im Angebot. Nur ums Bier geht es schließlich tief im Süden, in Waterloo. Dort braut im historischen Zentrum die Stubborn German Brewing Company deutsche Biere.

Oktoberfeste in Illinois
Deutsche Tradition wird jedoch auch außerhalb der Schankhäuser in Illinois gelebt. Das Oktoberfest Chicago am St. Alphonsus ist beispielsweise eines der beliebtesten Herbstfeste der Stadt. Es lockt Ende September an drei Tagen Besucher in Chicagos West Lakeview Viertel. Rund um die ikonische Kirche St. Alphonsus, in der bis heute auch eine deutsche Messe gelesen wird, bieten Verkausstände Bier, Brezeln und Bratwurst an. Bands sorgen für die musikalische Untermalung.
Bereits einige Wochen früher am ersten September-Wochenende findet das Chicago German-American Oktoberfest mit Parade, Essen, Trinken und deutscher Musik rund um den Licoln Square statt. Doch auch abseits der Metropole am Michigansee finden im Herzen der USA, unter anderem in Moline, Peoria, Galena, Alton und Jacksonville, zahlreiche Oktoberfeste von September bis Oktober statt.
Ein ganz besonderes Oktoberfest kann man in Grafton auf dem Mississippi erleben. Bei der Oktoberfest Dinner Sunset Cruise auf der Hakuna Matata genießen die Passagiere deutsche Musik, Getränke und eine deutsche Küche. Gleichzeitig belohnt das Oberdeck die Gäste mit 360 Grad Ausblicken auf den Fluss und die umliegenden Kalksteinfelsen.

Deutsche Städte tief im Süden von Illinois
Im südlichen Bundesstaat, nahe der Grenze zu Missouri, zeugen Ortsnamen wie New Hanover, Wartburg, Paderborn und Germantown von deutschen Wurzeln. Auch Hecker hat einen deutschen Namensgeber: Der Ort mit knapp 500 Einwohnern wurde nach dem deutschen Immigranten, Revolutionär und Bürgerkriegshelden Friedrich Franz Karl Hecker benannt.
Neben den deutschen Städtenamen zeichnet sich die Region aber vor allem dadurch aus, dass das gesellschaftliche, kirchliche und kulturelle Erbe der deutschen Auswanderer gepflegt wird. Steinerne Kirchen und Fachwerkhäuser werden erhalten und altes Kunstgewerbe ausgeübt, mancherorts wird auch noch deutsch gesprochen. Ein besonderes Kleinod ist das malerische, deutsche Dorf Maeystown, südlich von St. Louis. Mit historischen Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert, Kaffeehaus, Kaufmannsladen, einem Labyrinth aus schmalen Gassen sowie seiner gewölbten Steinbrücke lädt die pittoreske Stadt im Kleinformat zum Verweilen ein.

Deutsche Weihnachtstradition in Illinois
Auch im Mittleren Westen der USA begeistert die stimmungsvolle Atmosphäre und das Kunsthandwerk der deutschen Weihnachtsmärkte die Menschen. So ist der 1996 gegründete Christkindlmarket in Chicago längst zur festen Institution geworden. Im Herzen des Loop-Einkaufsviertels werden Nussknacker, Kuckucksuhren, Christbaumschmuck und weitere Handwerkskünste angeboten. Typische Spezialitäten wie Lebkuchen, Bratäpfel, Rostbratwürste, Butterbretzeln, deutsche Biere und Glühwein sorgen für das leibliche Wohl. Seit 2016 ergänzt ein weiterer Christkindlmarket die Metropolregion: In Naperville, Illinois viertgrößter Stadt in der Nähe von Aurora, findet der Budenzauber jedes Jahr bis Heiligabend statt.

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Sonntag, 22. September 2019, 20:41

Germantown lockte Amische aus der Pfalz in die USA

Rund 100 pfälzische Familien zog es ab Anfang des 18. Jahrhunderts nach Pennsylvania. Hier konnten sie ihren Glauben freier leben als in Europa. Bis heute spricht ein Teil von ihnen eine Art Pfälzer Dialekt.

Zitat

Der US-Bundesstaat Pennsylvania
Pennsylvania wurde 1683 vom englischen Theologen William Penn als Kolonie gegründet. Penns Nachname ergab zusammen mit dem lateinischen Wort für Wald (silva) den Namen des laubbaumreichen späteren US-Bundesstaats.
Der Susquehanna River erinnert an den mächtigen indigenen Stamm, der hier lebte, bis gewalttätige Auseinandersetzungen mit anderen Indigenen und Kolonisten 1763 auch seine letzten Angehörigen auslöschten. Am 4. Juli 1776 sagten sich in Philadelphia die damals 13 amerikanischen Bundesstaaten durch die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung von Großbritannien los.
Die Hauptstadt Pennsylvanias ist jedoch weder Philadelphia noch Pittsburgh, sondern das mit 49.000 Einwohnern vergleichsweise winzige Harrisburg, das vor allem wegen eines Unglücks in einem nahe gelegenen Kernkraftwerk 1979 zu weltweiter Bekanntheit gelangte.
Schon bei Staatsgründung herrschte in Pennsylvania volle Religionsfreiheit, was es zu einer Zufluchtstätte für Angehörige verfolgter religiöser Minderheiten aus Europa machte. Heute gibt etwa ein Viertel der Bewohner an, deutschstämmige Vorfahren zu haben. Einer der berühmtesten Söhne Pennsylvanias hat jedoch slowakische Vorfahren: Pop-Art-Künstler Andy Warhol. Das ihm gewidmete Museum in Pittsburgh, wo Warhol 1928 geboren wurde, besitzt die weltgrößte Sammlung seiner Arbeiten.

Mennoniten und Amische mit deutschen Wurzeln
Im Jahr 1683 gründeten deutsche Auswanderer aus Krefeld in Pennsylvania eine Siedlung namens Deitscheschteddel, also „Deutschenstädtlein“. Englischer Name: Germantown. Sie waren Mennoniten, Anhänger einer täuferisch-protestantischen Glaubensrichtung, die sie damals in Nordamerika freier leben konnten als in Europa.
Ab Anfang des 18. Jahrhunderts zog es dann auch rund 100 pfälzische Familien nach Germantown, die „Pennsylvania Dutch“. Bei den späteren Siedlern handelte es sich um Amische – einer Glaubensgemeinschaft, die sich von den Mennoniten abgespalten hatte. Heute sind die USA und Kanada die Heimat von etwa 300.000 Amischen, Germantown ist ein Stadtteil der Metropole Philadelphia.
Die „Amische alter Ordnung“, die bis heute eine Art Pfälzer Dialekt sprechen, zogen aufs Land nach Lancaster County, wo sie nach den Regeln des Neuen Testaments leben: mit strengen Kleidervorschriften und genau geregelter Sozialordnung. Ihr Glauben verbietet vielen Amischen den Besitz von Fahrrädern und Autos. Pferdekutschen mit altertümlich gekleideten Passagieren gehören in Lancaster County daher zum Straßenbild.

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Freitag, 27. September 2019, 22:45

27. September 1719 - Tod des Amerika-Auswanderers Franz Daniel Pastorius

Zitat

Drei Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Kriegs sind ganze Landstriche verwüstet und entvölkert. Hunger, Seuchen und marodierende Soldaten haben die Menschen dahingerafft; der Krieg der Religionen hat das Reich tief gespalten. In dieser verrohten Zeit kommt Franz Daniel Pastorius 1651 im fränkischen Sommershausen zur Welt.
Der Sohn eines gräflichen Rats studiert an mehreren Universitäten Sprachen, Philosophie und promoviert zum Juristen. In Begleitung eines jungen Adligen geht Pastorius auf eine Bildungsreise durch Europa. "Danach", sagt der Bamberger Historiker Mark Häberlein, "hätte ihm eigentlich eine glänzende Karriere bevorgestanden."

Die Gründung von Germantown
Doch Pastorius verabscheut Luxus und Privilegien. Im Auftrag radikaler Pietisten in Frankfurt verlässt er Anfang 1683 seine Heimat und wandert als erster Deutscher nach Amerika aus. Auf einem Stück Land, das ihm der Quäker William Penn, der Gründer Pennsylvanias, überlässt, soll er die Gründung einer streng lutherischen Gemeinde vorbereiten.
In der Wildnis nahe der Stadt Philadelphia baut sich Pastorius eine schlichte Hütte und erwartet seine Auftraggeber. Doch die Frankfurter, die in der Neuen Welt ein Leben in stiller, gottgefälliger Eintracht führen wollten, kommen nicht. "Wahrscheinlich scheuten sie dann doch das Risiko und überlegten es sich anders", so der Historiker Häberlin.
Stattdessen nimmt Franz Daniel Pastorius 13 Familien aus Krefeld in Empfang, allesamt verfolgte Quäker und Mennoniten. Ende 1683 gründen sie Germantown, die erste Kolonie deutscher Auswanderer in den späteren Vereinigten Staaten. Pastorius amtiert als Bürgermeister, Notar, Friedensrichter und Lehrer in einer Person.

Protest gegen die Sklaverei
Den ersten Winter müssen die Siedler noch in Erdlöchern hausen. Doch unter Pastorius' Leitung wächst und gedeiht Germantown schnell. In einem Brief an seinen Vater berichtet er von reiner Luft, fischreichen Strömen, dem fruchtbaren Grund und den Indianern, "gutherzige, redliche Leute, die dereinst an dem großen Gerichtstag auftreten werden, um die falschen Maul-Christen zu beschämen."
1688 verfassen Pastorius und drei weitere Quäker von Germantown den ersten Protest gegen die Sklaverei in Nordamerika: "Wir erheben uns dagegen, Menschen wider ihren Willen hierherzubringen oder sie zu rauben und zu verkaufen!" Am 27. September 1719 stirbt Franz Daniel Pastorius. Denkmäler in Philadelphia und im Kapitol in Washington erinnern noch heute an den ersten "Pilgrim Father" aus Deutschland.

Stichtag - WDR
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Samstag, 9. November 2019, 16:11

Bier-König Adolphus Busch kämpfte nie gegen Indianer

Zitat

Der deutsch-amerikanische Bier-König Adolphus Busch (1839-1913), der die Brauerei seines Schwiegervaters Eberhard Anheuser (1806-1880) in St. Louis (Missouri) zur größten in den USA entwickelte, hat nie gegen Indianer oder Pferdediebe gekämpft. In der Anfangszeit des „Amerikanischen Bürgerkrieges“ (1861-1865) meldete er sich nur als Dreimonats-Freiwilliger zur Unionsarmee der Nordstaaten. Vom 8. Mai bis zum 18. August 1861 diente er als Korporal der „Company E“ des 3. Regiments des US-Reservecorps unter Oberst John McNeil. Seine Einheit hatte die Aufgabe, das Stadtzentrum von St. Louis zu schützen. Als Heimwehr-Soldat der Nachbarschafts-Schutztruppe lebte Busch während seiner vierteljährlichen Dienstzeit weiterhin bei seiner Ehefrau „Lilly“, die er kurz zuvor im März 1861 geheiratet hatte. Im August 1861 quittierte Busch seinen Militärdienst und betätigte sich in der Folgezeit wieder erfolgreich als Unternehmer.

Nachzulesen sind diese Fakten in dem 324-seitigen Taschenbuch „Adolphus Busch. Das Leben des Bier-Königs“ von Ernst Probst und Doris Probst aus Mainz-Kostheim. Adolphus war 1857 mit 18 Jahren aus seinem Geburtsort Kastel am Rhein nach St. Louis am Mississippi ausgewandert. Zunächst arbeitete er als Angestellter eines Großhandels- und Kommissionshauses als Laufbursche und „Mann für alle Fälle“, der noch Fenster und Fußböden putzen musste. Aber bald betätigte er sich für seinen Arbeitgeber als Schnäppchenjäger, der mit Mississippi-Dampfern eintreffende Waren begutachtete und Kaufentscheidungen fällte. 1859 wurde er mit dem ausbezahlten Erbteil seines verstorbenen Vaters Teilhaber einer Großhandelsfirma für Brauereibedarf und 1865 sogar Alleininhaber.

Über die Militärzeit von Adolphus Busch liest und hört man sehr Widersprüchliches, was die Dauer und die Art seines Einsatzes betrifft. Beispielsweise heißt es, Busch habe einer Gruppe von Indianern trotz eines Überfalls das Leben gerettet. Zum Dank habe ihm der Häuptling der Shoshonen-Indianer eine Friedenspfeife geschenkt. Doch die in einem Museum im Geburtsort Mainz-Kastel von Busch ausgestellte Friedenspfeife mit Köcher stammt in Wirklichkeit gar nicht von Adolphus, sondern von dessen Bruder Anton Baptist Busch, der nach seiner Auswanderung in die USA nach Kastel zurückgekehrt war und dort erfolgreich einen Weinhandel betrieb. Im Internet werden Adolphus sogar Dienstzeiten als Soldat bis zu mehreren Jahren angedichtet. Aber dieser hatte gar keine Lust verspürt, sich für drei Jahre zur regulären „Unionsarmee“ zu verpflichten.

1864 wurde der erst 25-jährige Adolphus Busch von seinem aus Bad Kreuznach stammenden Schwiegervater Eberhard Anheuser dazu überredet, in die Geschäftsleitung des Brauhauses „Anheuser & Co.“ einzutreten. Damit begann der unaufhaltsame Aufstieg von Busch zum „Bierkönig“, der zuletzt gekrönte Häupter, US-Präsidenten und berühmte Künstler als Freunde hatte, von diesen „Prinz“ genannt wurde, und mit 74 Jahren als steinreicher Mann in seiner Sommerresidenz im Taunus starb. Sein Begräbnis am 25. Oktober 1913 in St. Louis wurde eines der glanzvollsten des 20. Jahrhunderts. Es ist ein Märchen, dass der Sarg mit dem Leichnam von Busch erst 1915 während des Ersten Weltkrieges auf einem deutschen Schiff in die USA gebracht wurde.

Das Grab der Eltern von Adolphus Busch befindet sich noch heute auf dem Friedhof an der Boelckestraße in Mainz-Kastel. Es wird von einem imposanten Engel bekrönt.

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Sonntag, 24. November 2019, 22:29

Wie ein Beverunger einst im Wilden Westen zum Millionär wurde

Der Auswanderer Ernst Kohlberg wurde vom Tellerwäscher zum Millionär und starb schließlich eines gewaltsamen Todes

Zitat

Ein Beverunger macht Karriere im Wilden Westen des 19. Jahrhunderts und stirbt wie viele damals durch eine tödliche Kugel: Die bewegte Lebensgeschichte des Auswanderers und Pioniers Ernst Kohlberg (1857 bis 1919), KWG-Schüler in Höxter, Cowboy in Texas, Konsul der Vereinigten Staaten im mexikanischen El Paso, Zigarrenfabrikant, zweifacher Bankdirektor und Hotelbesitzer gibt es jetzt in Romanform: Der aus Herstelle stammende Autor Hermann Multhaupt hat das bewegte Leben des jüdischen Selfmade-Millionärs im noch bewegteren 19. Jahrhundert in den USA zwischen Buchdeckel gefasst. Titel: „Pionierzeit in El Paso".
Multhaupt erinnert auch an die Rolle Ernst Kohlbergs in dem Buch „The Wonderful Land" von Tom Lea (1952), das sieben Jahre später unter dem englischen Titel „The Wonderful Country" (dt: „Heiße Grenze") mit Robert Mitchum als Western verfilmt worden war. Kohlbergs Leben ist die Romanvorlage für die Figur des Ludwig „Chico" Sterner im Film. Eng mit Kohlberg verbunden ist auch die Kindergarten-Geschichte in Texas: Seine Frau Olga, die Ernst bei einem Aufenthalt in Deutschland kennenlernte und mit in die USA nahm, habe den ersten Kindergarten in Texas gegründet, sagt Multhaupt.

Briefe aus den USA in die Heimat Beverungen übersetzt
Für seine Recherchen hat der Autor unter anderem auch Briefe aus den USA, die Kohlberg in den Jahren 1875 bis 1877 in die Heimat Beverungen geschrieben hatte, übersetzt und als Quelle genutzt. Sie gäben Aufschluss über die Siedlungsgeschichte und die Lebensweise in der Neuen Welt und seien 1977 von der Texas Western Press veröffentlicht worden, sagt der gebürtige Hersteller.
„Dazu gehört auch die Lebensgeschichte der aus Herstelle stammenden Eltern und Geschwister, die wegen besserer Geschäftsbedingungen nach Beverungen umgesiedelt waren", erzählt Multhaupt. „Die letzte Nachfahrin der Familie Kohlberg in Herstelle starb 1942, wurde von Nachbarn heimlich – die Räder des Wagens waren mit Lumpen umwickelt, um keine Geräusche zu machen – auf dem jüdischen Friedhof Herstelle bestattet. Sie hatte einen Sohn als Soldat im Ersten Weltkrieg in Frankreich und zwei Söhne durch Tod im KZ verloren."
Hier kommt die jüdische Geschichte der Stadt Höxter ins Spiel, die der Höxteraner Fritz Ostkämper, Vorsitzender der Jacob-Pins-Gesellschaft, für den Online-Auftritt des Jacob-Pins-Forums aufgearbeitet hat: Denn auch dort erzählt er die Geschichte der Familie Kohlberg und das Leben des „ehemaligen jüdischen Schülers des KWG im Wilden Westen".
Der erste Satz der Online-Dokumenation: „Wenn ich gewusst hätte, was ich jetzt weiß, wäre ich nicht hierher gekommen." Diesen schrieb Ernst Kohlberg 1875 an seine Eltern in Beverungen. Ihm sei es gelungen, nach seiner Auswanderung im Alter von gerade einmal 18 Jahren in den USA „Fuß zu fassen und zu Reichtum und Erfolg zu gelangen", so Ostkämper. Das Ehepaar Olga und Ernst Kohlberg habe vier Kinder gehabt, drei Söhne und eine Tochter, hat Ostkämper recherchiert. Und die Nachkommen lebten noch heute in den USA.

Eltern stammten aus Herstelle
Kohlbergs Eltern stammten aus Herstelle. Der Sohn des Kaufmanns Jacob Kohlberg und seiner Frau Johanna Rothschild wurde am 24. Mai 1857 in Beverungen geboren. Kohlberg verließ am 15. August 1875 die Heimat. „Das Geld für die Reise nach Übersee besaß er nicht. So traf Vater Jacob Lehmann Kohlberg mit dem aus Wünnenberg im Kreis Paderborn stammenden Geschäftsmann Salomon C. Schutz eine Abmachung, wonach der Sohn zwischen sechs Monaten und einem Jahr unentgeltlich in dessen zwei Geschäften in Franklin – so hieß El Paso damals – arbeiten sollte, um die Fahrtkosten zurückzuerstatten", berichtet Multhaupt.
„Zugleich sollte er das Kaufmannsgeschäft erlernen. Schließlich wurde Ernst Kohlberg durch Tabakanbau reich, er war Mitbegründer der Eisenbahn- und Elektrizitätsgesellschaft von El Paso und Direktor zweier Banken." Unter den Gemeinschaften, denen er angehörte, sei auch der Verein fortschrittlicher deutscher Juden gewesen. In seinem Hotel St. Regis hätten sich 1909 US-Präsident Howard Taft und der mexikanische Präsident Porfirio Díaz getroffen.
Multhaupt: „Sein Hotel St. Charles verpachtete Kohlberg 1910 an einen Mann namens John Leech. Doch der konnte wegen seiner Spielschulden bald die Pacht nicht mehr zahlen. Nachdem der erfolgreiche Unternehmer den Streitfall seinem Anwalt übergeben hatte, erschien Leech am 17. Juni 1910 in Kohlbergs Büro und verlangte, die Klage zurückzuziehen. Doch Kohlberg weigerte sich. Darauf zog Leech seine Pistole. Ernst Kohlberg brach tödlich getroffen zusammen." 1934 sei der zu lebenslanger Haft verurteilte Mörder von der Gouverneurin begnadigt worden.

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Donnerstag, 26. Dezember 2019, 20:31

Auf die "German Society of Pennsylvania" bin ich durch den heutigen Eintrag auf der Startseite von Wikipedia gestoßen.


Zitat

Die German Society of Pennsylvania ist eine seit 1764 bestehende Gesellschaft, die sich der Erforschung des deutschen Beitrags zur amerikanischen Geschichte und Kultur, sowie entsprechender Darbietungen widmet. Zugleich wird der stark pfälzisch geprägte deutsche Dialekt, das Pennsilfaanisch Deitsch gepflegt. Die Organisation entstand in Northern Liberties, heute ein Stadtteil von Philadelphia.

Geschichte
Die ersten deutschen Einwanderer kamen 1683, geführt von Franz Daniel Pastorius, aus Krefeld. Zahlreiche arme Einwanderer unterzeichneten oftmals in Englisch abgefasste Verträge, die sie dazu verpflichteten vier oder fünf Jahre zu arbeiten, um die Überfahrt zu finanzieren. Nach der Ankunft in der Neuen Welt wurden sie als Arbeiter weiterverkauft.
Die German Society of Pennsylvania entstand, um die Auswirkungen dieser Art von Sklavenarbeit oder Schuldknechtschaft zu lindern, und die Moral zu heben. Sie wurde am 26. Dezember 1764 gegründet und ist damit die älteste Gesellschaft dieser Art in den USA. Der erste Präsident der German Society of Pennsylvania war der aus Treschklingen stammende Auswanderer Johann Heinrich Keppele (1716–1797), dessen Enkel Michael 1801 Bürgermeister von Philadelphia wurde.
Die Deutsche Gesellschaft residierte im lutherischen Schulgebäude in der Cherry Street. 1783 entstand durch eine Schenkung von sechs Büchern die Idee, eine Bibliothek einzurichten. Hier befindet sich auch die älteste in den USA gedruckte Bibel, die Christopher Sauer Bible von 1743.
1887 gelang es der Gesellschaft, das Spring Garden Street townhouse zu erwerben, in dem sie bis heute residiert. Unter der Leitung von Antonie Ehrlich gründeten zwölf Frauen das Women’s Auxiliary, das 1908 rund 800 Mitglieder hatte.
1914 wies die Gesellschaft 624 Mitglieder auf, doch war die Zahl der Mitglieder während der Weltwirtschaftskrise und während des Zweiten Weltkriegs rückläufig. 1945 waren es nur noch etwa 350 Mitglieder.
Nach dem Kriegsende unterstützte die Gesellschaft zusammen mit American Relief for Central Europe die Zivilbevölkerung in Deutschland, Women’s Auxiliary ebenfalls.
In den 1960er Jahren begann die GSP zusammen mit der American Association of Teachers of German ein bis heute bestehendes Unterrichtsprogramm. Dazu gehörten Theateraufführungen, sowie eine Jugendgruppe für Tänze, Lesungen und sonstige Kulturaufführungen. Hinzu kommen Stipendien an deutsche Studenten, die über den Einfluss der deutschen Einwanderer in Nordamerika forschen und dazu die Bibliothek mit ihren 70.000 Bänden und sonstige Forschungsmöglichkeiten nutzen wollen.
Anfang des 21. Jahrhunderts hatte die Gesellschaft wieder rund 700 Mitglieder.

Link zu Wiki


Homepage der Society
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Mittwoch, 26. Februar 2020, 22:13

Diesmal was über einen „Dann-doch-nicht-Auswanderer“ und die „Folgen“ :zwinker:


Mit einem fast 100 Jahre alten Ticket nach New York

Im Nachlass seines Großvaters findet Adrian Kerner eine Schiffsfahrkarte von 1923. Sie wurde nie eingelöst. Mit unserer Autorin kommt der Enkel einem Familiengeheimnis auf die Spur – und erweist seinem Opa eine letzte Ehre.

Zitat

Als Adrian Kerner, 47, das mit Tuch ausgeschlagene Holzkästchen öffnete, ahnte er noch nicht, dass es ein Geheimnis birgt. Er hatte es bei der Haushaltsauflösung des Großelternhauses gefunden – und es nicht übers Herz gebracht, die Kiste wegzuwerfen. Er legte sie erst einmal beiseite.
Darin liegen, akkurat sortiert, die persönlichen Dokumente seines 1980 verstorbenen Großvaters Joseph. Familienfotos. Ein längst abgelaufener Pass. Und, ganz unten, ein sorgfältig gefaltetes, vergilbtes Dokument, bestehend aus drei eng beschriebenen Seiten. Es sieht aus, als ob es viele Jahrzehnte immer wieder mit den Fingern vorsichtig glatt gestrichen worden wäre.
One Way. Die Wildcard zum Auswandern. Doch sein Großvater Joseph hatte sie damals nicht eingelöst, jedoch wie einen Schatz aufgehoben. Warum nur ließ ein lediger Schustergeselle eine Passage nach New York mit einem Schiff der Reederei Cunard Line von 1923 verfallen?
Sie war im Voraus bezahlt worden. Damals, zu Zeiten der galoppierenden Inflation, entsprach die Summe mindestens dem Jahresgehalt eines Handwerkers.

Das Ticket der Cunard Line galt ein Jahr lang
Sein Enkel, von Beruf Bundeswehroffizier, will mehr wissen. Mithilfe von WELT am SONNTAG geht er auf Spurensuche. Das Ticket der Cunard Line Nr. 85920 ist ausgestellt auf Joseph Kerner, übersetzt in sieben weitere Sprachen: Deutsch, Ungarisch, Jiddisch, Tschechisch, Slowakisch, Rumänisch und Kroatisch. Damals wanderten Millionen Menschen aus Europa nach Amerika aus.
Josephs Prepaid-Ticket galt ein Jahr lang, ausgestellt am 6. April 1923, bezahlt von einem Herrn Anton Folk aus der 1310, Seminary Avenue, in der Kleinstadt Bloomington im US-Bundesstaat Illinois. Es umfasste nicht nur die Überfahrt, sondern zugleich auch die Anreise von dem Schwabendörfchen St. Anna im heutigen Rumänien sowie die Weiterreise in den Mittleren Westen.
Josephs Tochter lebt heute im bayerischen Landshut. Hilde Kerner, 82, erinnert sich an den Reiseplan. Sie sagt: „Mein Vater hat darüber nie sprechen wollen. Er war ein stiller, verschlossener, gutmütiger Mann. Er hat sich für seine Familie aufgeopfert. Ich glaube, in seinen letzten Lebensjahren hat er sich sehr gegrämt, damals nicht nach Amerika ausgewandert zu sein.“

Geld für die Schiffsreise nach New York vorgestreckt
Joseph wuchs mit mehreren Schwestern auf, er war der einzige Junge. Seine älteste Schwester Katharina war bereits zehn Jahre zuvor, allein, nach Amerika ausgewandert: Mit 21 Jahren reiste sie im Juli 1913 auf der letzten Fahrt der „Neckar“ kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges von Bremen nach Baltimore und fand Unterkunft und Arbeit bei entfernten Cousins und Cousinen in dem Örtchen Bloomington.
Als sie sich mit dem Geschäftsmann George Hoffman verlobte, das war um 1921, begann sie, ihre Geschwister nachzuholen. Der amerikanische Emergency Quota Act von 1921 begünstigte deutsche Bewerber. 51.000 durften pro Jahr einreisen, mehr als aus irgendeinem anderen europäischen Land.
Auch in Bloomington waren damals fleißige Handwerker, Krankenschwestern und Näherinnen gesucht, aber auch Hausfrauen. So wanderte Josephs jüngere Schwester Magdalena, genannt Lentschi, 1921 aus. Sie reiste mit 24 Jahren auf der „Germania“ von Hamburg nach New York und zog zu ihrer Schwester Katharina.
Beide versuchten, ihren kleinen Bruder Joseph ebenfalls nachzuholen. Sie überzeugten den Mann einer Cousine, den Händler Anton Folk, die Summe für eine Schiffspassage vorzustrecken. Das hätte Joseph nach und nach abarbeiten sollen.

Kaum noch Kontakt zu den Schwestern in Amerika
Seine Tochter Hilde Kerner vermutet heute: „Joseph war damals erst 17, minderjährig. Er hätte die Erlaubnis seines Vaters benötigt. Auch das Visum hätte er selbst nicht beantragen können.“ Aber der Vater Anton ließ seinen einzigen Sohn nicht ziehen.
Joseph gab schließlich nach – und blieb in St. Anna. Der Kontakt zu den Schwestern in Amerika brach fast ab. Geplante Heimatbesuche machte die Weltwirtschaftskrise 1929 mit dem Schwarzen Freitag zunichte, dann trennte der Zweite Weltkrieg die Familie – und sie kamen nie wieder zusammen.
Joseph blieb als Schuster in St. Anna, heiratete, zog zwei Kinder groß, Hilde und Wilhelm. 1945 geriet er in russische Kriegsgefangenschaft, überlebte fünf Jahre Zwangsarbeit, arbeitete nach seiner Rückkehr in einer Schuhfabrik.
Aufgrund der Enteignungen durch das kommunistische Regime in Rumänien verarmte die Familie, verlor ihre Ersparnisse. Seine Kinder Hilde und Wilhelm wanderten nach Deutschland aus. Er kümmerte sich um eines der Enkelkinder.

Statt des Großvaters geht der Enkel auf Kreuzfahrt
Von seinen Schwestern in Amerika hörte er so gut wie nichts mehr; der ohnehin nur sporadische Briefkontakt verebbte. Seine Tochter Hilde erinnert sich: „Ich glaube, das hat Joseph sehr bedauert.“ Was er nicht wissen konnte: Seine Schwester Magdalena war kinderlos bereits 1934 an den Folgen einer Krankheit in einem Chicagoer Krankenhaus gestorben.
Katharina zog in Bloomington drei Kinder groß: Helen, geboren 1924, George, geboren 1926, und den nach ihrem in Europa gebliebenen Bruder benannten jüngsten Sohn: Joseph, geboren 1928. Katharina starb in den 70er-Jahren auf der anderen Seite des Atlantiks. Joseph erlag 1980 den Folgen eines Schlaganfalls.
Den Enkel hat das erst jetzt gelüftete Geheimnis seiner Familie sehr berührt. Er überlegt, wie er seinem Großvater einen letzten Gefallen erweisen könne – und hat eine verrückte Idee. Kurzentschlossen ruft Adrian Kerner bei der Reederei Cunard an. Er fragt, ob das 97 Jahre alte Ticket noch gültig sei – und er damit stellvertretend für seinen Großvater über den Atlantik fahren könne. Die Antwort der Reederei: Ja.
Anja Tabarelli, Director Sales & Marketing Cunard Deutschland, erklärt: „Ein 97 Jahre altes Ticket – was könnte passender sein zu unserem diesjährigen Jubiläum: 180 Jahre Cunard. Kennen Sie den Butterfly Effect? Am Beispiel von Adrian Kerners Großvater wird er deutlich: Hätte er damals die Reise angetreten, hätte sich nur dieses Detail geändert, so hätte er vermutlich nie seine Frau, Adrians Großmutter, kennengelernt. Und der Rest ist Geschichte!“ Die Reederei freue sich, Adrian Kerner dabei zu unterstützen, seine Familiengeschichte fortzuschreiben und ein neues Kapitel zu beginnen.
Adrian Kerner wird also mit seiner Frau Georgeta, 40, zum ersten Mal auf Kreuzfahrt gehen. Sie werden damit ihre Hochzeitsreise nachholen – und fahren im Sommer auf der „Queen Mary 2“ von Southampton nach New York. Mit dabei: das Porträtfoto seines Großvaters Joseph als junger Mann. Passenderweise läuft die Transatlantiktour unter dem Thema „Ahnenforschung“.
Er hat sich noch etwas vorgenommen. Irgendwann will Adrian Kerner nach Bloomington, Illinois, reisen – auf den Spuren der vergessenen Ahnen.

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Montag, 20. April 2020, 19:13

Eine Geisterstadt namens Lennep

Zitat

Johann Wilhelm Fuchs zog es 1882 vom Munsterplatz im bergischen Lennep nach Amerika. Später benannte er im dortigen Bundesstaat Montana ein Dorf nach seinem Heimatort. Jetzt ist diese Ortschaft verlassen.

Lennep ist nicht nur die Geburtsstadt von Wilhelm Conrad Röntgen. Lennep ist auch ein Dorf in den USA im Bundesstaat Montana an der Grenze zu Kanada – 7643,5 Kilometer Luftlinie vom Bergischen entfernt. Statt einer malerischen Altstadt gibt es jenseits des Atlantiks allerdings nur wenige Gebäude: einen Kaufladen, eine Schule, ein Postgebäude und eine Kirche. Und: Die Bauten sind größtenteils verlassen. Der Ort wird seit den 60er Jahren zunehmend zu einer Geisterstadt.
Die Geschichte hinter diesem zweiten Ort mit dem Namen Lennep ist spannend, zwar nicht hundertprozentig geklärt und vom Schreibtisch in Remscheid aus kaum zu klären – aber dennoch erzählenswert. Die entscheidende Rolle darin spielt ein junger Mann aus Lennep, der den Ort nach seiner Auswanderung in die Vereinigten Staaten nach seiner Heimatstadt benannt haben soll.
Die Geschichte des kleinen Ortes beginnt aber mit einer anderen Person: Martin T. Grande ließ sich 1877 an dem wahrscheinlich namenlosen Ort nieder. Er war der erste weiße Mensch dort – ein Immigrant aus Norwegen, der in Montana 3000 Schafen hielt. Kurz darauf kamen weitere Siedler aus seinem Heimatdorf, arbeiteten auf dessen Ranch oder bauten eigene Farmen auf. Doch ganz reibungslos scheint die Ankunft nicht verlaufen zu sein: Ein Nachfahre Grandes berichtete in einem Interview, dass Indianer die ersten Gebäude niedergebrannt hätten – weil die Grenze zwischen dem Gebiet der Ureinwohner und den Immigranten immer weiter nach Westen verschoben wurden. Damit wurde das Territorium der Indianer immer kleiner. Später scheint sich dieser Konflikt aber gelöst zu haben.
Recht schnell wurde aus der beschaulichen Ansammlung einiger Ranches ein Dorf. Quasi über Nacht sei die eigentliche Stadt entlang der Jawbone’s Zugstrecke entstanden und diente als Zwischenstopp, heißt es in einer Dissertation über die Geschichte der Region. Das muss im Jahr 1899 gewesen sein. In diesem Jahr ist auch ein Wirtschaftsprüfer der Betreibergesellschaft Montana Railroad dorthin gereist und hat den Ort nach seiner deutschen Heimat benannt. Sein Name: Johann Wilhelm Fuchs.
Geboren ist Johann Wilhelm Fuchs am 2. September 1859 in Lennep, hat Sarah Baldy vom Stadtarchiv herausgefunden. Seine Eltern: August Hermann Fuchs aus Elberfeld, der als Lehrer an der höheren Bürgerschule in Lennep unterrichtete, und seine Frau Elise, geboren Hilger. Aufgewachsen am Munsterplatz, begann er als Erwachsener eine Ausbildung zum Kaufmann – verwunderlich, da sein Vater nicht diesen Beruf ausübte. Doch Sarah Baldy hat eine Vermutung, warum der junge Johann Wilhelm diesen Weg einschlug: Sein Großvater mütterlicherseits, Johann Wilhelm Hilger war Kaufmann.
Dieser Johann Wilhelm Hilger habe mit seinem Bruder Daniel die Firma Gebrüder Hilger gegründet, vermutet die Archivarin. Um 1856 entstand in Wilhelmsthal in Radevormwald ihre Tuchfabrik, in der bis zu 600 Menschen arbeiteten. Nach einem Brand 1890 wurde aus der Tuch- eine Papierfabrik, deren Produktion 1970 eingestellt wurde.
Ob Johann Wilhelm Fuchs in der Tuchfabrik gearbeitet hat, ist nicht bekannt. Wenn, dann vermutlich nicht lange. Denn im Alter von 23 Jahren verließ er seine Heimat, um in den Vereinigten Staaten ein neues Leben zu beginnen. Eingereist ist er als Johann Fuchs am 11. August 1882 auf Ellis Island, New York. Seine Fahrt hat er von Antwerpen aus mit der Belgenland I der Red Star Line angetreten – als Passagier Nummer 23. Was er nach seiner Einreise gemacht hat, ist unklar.
Sein Name taucht erst wieder um 1894 auf, als die Montana Railroad gegründet wird. Zu diesem Zeitpunkt nannte er sich Wilhelm J. Fuchs. Er soll zuvor mit dem Montana-Railroad-Präsidenten Richard A. Harlow bereits eine Zugstrecke von Helena aus in den Osten geplant haben. 1899 reiste er im Zuge des Streckenbaus in das Dorf der Siedler aus Norwegen – und nannte den Bahnhalt „Lennep“.
Mit der Eisenbahn und dem Haltepunkt entstand eine Infrastruktur rund um die Zugverbindung. Der Kaufladen mit Tanzsaal im Obergeschoss fungierte als Haltepunkt. Verkauft wurden dort überwiegend haltbare Lebensmittel. Später zog das Postamt ein. Zudem wurde eine Schule sowie eine Kirche gebaut – das inoffizielle Wahrzeichen Lenneps.
1914 entstand der schmucke Bau aus Holzschindeln. 4300 Dollar kostete der Bau der Trinity Lutheran Church, bezahlt von der lutherischen Kirchengemeinde, die 1891 gegründet wurde und ihre Gottesdienste zuvor in der Schule abgehalten hatte. Auch wurde in Lennep ein Depot für Güterwaggons errichtet.
Die Zugstrecke war für die Bewohner der Ranches wichtig. Die Züge versorgten den Kaufladen mit Lebensmitteln. Die Waren wurden nicht nur an die Lenneper verkauft, sondern auch an Einwohner der Nachbarorte. Zudem sollen die Goldgräber-Camps in den nördlich gelegenen Castle Mountains von Lennep aus versorgt worden sein.
Große Aufregung wird es wahrscheinlich im Februar 1931 gegeben haben. Denn da wurden zwei Verbrecher in Lennep geschnappt: Don Williams und George Blend hatten ein Flugzeug gestohlen. Weil sie aber keine Piloten waren, zerstörten sie es beim Versuch, damit vom Harlowtown Airport abzuheben. Nach dem Absturz konnten die beiden Kriminellen fliehen – mit gebrochner Nase und anderen schwerwiegenden Verletzungen – und stiegen in einen Zug nach Lennep. Einen Tag später wurden die Verbrecher entdeckt, vom Zugpersonal rausgeschmissen und in Lennep von den Behörden verhaftet.
So schnell, wie Lennep entstanden ist, so schnell ging die Geschichte des Ortes auch zu Ende – gleichzeitig mit dem Aus der defizitären Bahnlinie. Bereits in den 60er Jahren wurde die Bahnstrecke nicht mehr bedient, im Juni 1974 die Elektrizität abgeschaltet. Das Postamt wurde in den 60er Jahren geschlossen, der Kaufladen später auch. Denn die Farmer in der Region um Lennep waren längst nicht mehr auf die Lokomotiven, Güterwaggons und ihre Fracht angewiesen.
Noch bis 2011 wurde jedoch in der Ein-Klassenzimmer-Grundschule unterrichtet. Bis zu 40 Kinder konnten dort lernen. Doch die Schülerzahl sank, in den 1990ern waren noch elf Kinder angemeldet. Seit 2012 müssen die jungen Lenneper nach Martinsdale zum Unterricht – 35 Autominuten entfernt.
Nur ein Ort ist immer noch bei Touristen wie Gläubigen weiterhin beliebt: die alte Kirche. Jeden zweiten Sonntag findet dort noch ein Gottesdienst statt. Zum 125. Geburtstag 2016 wurde das Kirchendach aufwendig saniert – möglich durch Spenden von Amerikanern, deren Vorfahren einst in Lennep lebten.

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Mittwoch, 24. Juni 2020, 21:22

Entscheiden Deutsch-Amerikaner die Wahl für Trump?

Zitat

Rund 43 Millionen Menschen deutscher Abstammung leben in den USA. Vor vier Jahren stimmten sie mehrheitlich für Trump. Das hatte auch psychologische Gründe.

Also proklamierte Donald Trump, Anfang Oktober 2019: Der Fall der Berliner Mauer vor 30 Jahren sei ein „Triumph der Freiheit“ gewesen. Das Ereignis unterstreiche, wie sehr sich die USA und Deutschland für Rechtsstaat und Menschenrechte einsetzten. „Unsere gemeinsamen Werte und historischen und kulturellen Bindungen stärken den ewigen Bund zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland. Diese Partnerschaft bildet das Fundament einer großen und hoffnungsvollen Zukunft für die Welt.“
Nanu? Es war derselbe Trump, der sonst keine Gelegenheit auslässt, über Deutschland herzuziehen. Über zu geringe Verteidigungsausgaben, die Ostseepipeline Nord Stream 2, Handelsdefizite, Flüchtlingspolitik, den Einfluss von Huawei. Doch an diesem Tag war all das, wenn nicht vergessen, so doch verdrängt.
Denn an diesem Tag rief der US-Präsident rief die Amerikaner dazu auf, den German-American-Day zu feiern. Ende des 17. Jahrhunderts waren die ersten Familien aus Deutschland eingewandert. Im Jahre 1883 hatte der „German Day“ seine Premiere in Philadelphia. Hundert Jahre danach erklärte US-Präsident Ronald Reagan den 6. Oktober als German-American-Day zu einem Feiertag.

Sie wohnen in den so genannten Swing States
Das klingt nach Folklore, hat aber einen triftigen wahlstrategischen Hintergrund. Fast alle Wählergruppen in den USA werden erforscht. Zu welcher Partei tendiert die verheiratete, weiße Frau ohne Universitätsabschluss? Worin unterscheiden sich die Cuban-Americans von den Mexican-Americans? Müssen Präsidentschaftskandidaten noch um die Stimmen der Irischstämmigen buhlen? Jede noch so kleine Nuance ist den Demoskopen wichtig.
Nur eine Gruppe, die durchaus wahlentscheidend sein kann, befindet sich außerhalb des öffentlichen Umfrageradars. Dabei ist sie, gemessen am Abstammungskriterium, die größte. Viele ihrer Mitglieder wohnen in den so genannten Swing States – Ohio, Pennsylvania, Wisconsin, Michigan, Florida. Es sind die German-Americans, die Deutsch-Amerikaner.
Rund 43 Millionen Menschen deutscher Abstammung leben in den USA. Das sind weit mehr als jene, deren Vorfahren aus England, Irland, Italien oder Asien stammen. Es sind auch mehr, als es Afroamerikaner oder Latinos gibt. Der „german belt“, wo die meisten Deutsch-Amerikaner angesiedelt sind, reicht von Oregon im Nordwesten der Vereinigten Staaten und zieht sich über den gesamten Mittleren Westen bis nach Michigan, Ohio und Pennsylvania im Osten des Landes.

Das Gros der Einwanderer kam Mitte des 19. Jahrhundert
Im Präsidentschaftswahlkampf vor vier Jahren hoffte Hillary Clinton, dass die blaue Brandmauer, der „Blue-State-Firewall“, halten und ihr den Sieg einbringen würde. Stattdessen zerbröselte diese Mauer und Donald Trump zog ins Weiße Haus ein. Traditionell demokratische Bundesstaaten waren plötzlich, wenn auch knapp, republikanisch geworden. Es sind just die Bundesstaaten, in denen Deutsch-Amerikaner besonders stark vertreten sind.
Umfragen vor der Wahl ergaben eine klare Präferenz. Mehr als die Hälfte der Deutsch-Amerikaner favorisierte Trump, nur 33 Prozent neigten Clinton zu. Zwei Wissenschaftler vom „Department of Germanic Studies“ der Universität Texas in Austin, David Huenlich und Per Urlaub, haben das Phänomen nach der Wahl untersucht. Ihr Essay hat den Titel „Why are the German-Americans Trump’s most loyal supporters“? (Warum sind die Deutsch-Amerikaner Trumps loyalste Unterstützer?)
Die Antwort ist vielschichtig und hat sowohl mit Geschichte als auch mit Psychologie zu tun. Das Gros der deutschen Einwanderer kam Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie importierten Apfelkuchen, Weihnachtsbäume und den Osterhasen, Kindergärten, Turnvereine und Bierbrauereien. Die Deutschen bauten große protestantische Kirchen, gründeten Unternehmen wie Boeing, Levi Strauss, Charles M. Schwab, Chrysler, Steinway.

Liberale wandelten sich zu Konservativen
Viele deutsche Migranten standen politisch links und waren vom Verlauf der 1848er-Revolution enttäuscht. In den USA kämpften sie gegen die Sklaverei und für das Frauen-Wahlrecht, gründeten Zeitungen und Gewerkschaften. Um die Jahrhundertwende existierten nicht weniger als 488 deutschsprachige Zeitungen und Periodika in den USA. Die Empörung vieler Deutsch-Amerikaner über die Praxis der Sklaverei ließ sie Abraham Lincoln und die Republikanische Partei unterstützen. In kultureller Hinsicht wandelten sich Liberale zu Konservativen.
Dann kam der Erste Weltkrieg. Bis dahin hatten Deutsche in Amerika ihr Deutschtum ungehemmt ausleben können. Viele sympathisierten mit Kaiser Wilhelm. Doch während sich Deutsch-Amerikaner nachdrücklich für Amerikas Neutralität einsetzten, erklärte der demokratische Präsident Woodrow Wilson im April 1917 Deutschland den Krieg. Dadurch gerieten viele Deutsch-Amerikaner unter Druck. Wie loyal verhielten sie sich gegenüber ihrer alten Heimat? Deutschsprachige Zeitungen wurden zensiert, der Deutschunterricht in den Schulen eingeschränkt, die deutsche Kultur – von Bach über Beethoven bis Schiller – aus Musiksälen und Theatern verbannt. Sauerkraut wurde in „liberty cabbage“ umbenannt, alles Deutsche war verpönt.
Viele Deutsch-Amerikaner reagierten verbittert. Als bei der Präsidentschaftswahl 1920 der Gouverneur aus Ohio, James Cox, ein Demokrat und Wilson-Getreuer, gegen den Republikaner Warren Harding antrat, stimmten die deutschstämmigen Amerikaner mit überwältigender Mehrheit für Harding. Aber im Grunde genommen stimmten sie „nicht für Harding, sondern gegen den Wilsonismus“, schreibt der Historiker Frederick C. Luebke von der „University of Nebraska-Lincoln“ in seiner Studie „German Immigrants and American Politics“.

Assimilation an einen uramerikanischen Konservatismus
Eine ähnliche Dynamik setzte vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Die Deutsch-Amerikaner, die im Mittleren Westen das Zentrum des Isolationismus bildeten, stellten sich bei der Präsidentschaftswahl 1940 gegen den Demokraten, Amtsinhaber Franklin D. Roosevelt. Statt dessen votierten sie für den republikanischen Herausforderer und Kriegsgegner, Wendell Willkie.
Im Kalten Krieg blieb die Bindung vieler Deutsch-Amerikaner an die „Grand Old Party“ (GOP) erhalten. Als der republikanische Senator Joseph McCarthy den Demokraten vorwarf, zu „weich gegenüber dem Kommunismus“ zu sein, fühlten sich Deutsch-Amerikaner in ihrer Auffassung bestätigt, dass nicht Deutschland, sondern die Sowjetunion der wahre Feind Amerikas sei.
Allerdings hatte die Affinität zur Republikanischen Partei auch eine psychologische Ursache. Durch die Assimilation an einen uramerikanischen Konservatismus versuchten viele Deutsch-Amerikaner, das Stigma ihrer Abstammung zu überwinden, bilanzieren Huenlich und Urlaub. Nach zwei von Deutschland zu verantworteten Weltkriegen schien ein öffentlich zur Schau getragener Stolz auf die Herkunft nicht mehr möglich zu sein. „Deutsch-Amerikaner machten sich klein, anglisierten ihre Namen und hörten auf, Deutsch zu sprechen“, schreibt der „Economist“.

Trumps Großvater stammt aus Kallstadt
Trumps Wähler seien weiß, männlich und evangelikal, heißt es. Das stimmt. Doch der weiße, evangelikale Block ist nicht monolithisch. Auch Fragen der Abstammung und Herkunft spielen bei politischen Präferenzen eine gewichtige Rolle.
Im Jahr 2010 wurde im Kongress ein überparteilicher German-American-Caucus ins Leben gerufen. Inzwischen gehören ihm rund hundert Abgeordnete an. Das deutet auf ein wachsendes gruppenspezifisches Bewusstsein hin.
Womöglich wird Trump sich also mit seinem notorischen Deutschland-Bashing etwas mäßigen müssen. Jeder Hieb auf das Herkunftsland könnte seine Wiederwahlchancen bei Deutsch-Amerikanern schmälern. Schließlich ist er selbst einer. Trumps Großvater stammt aus Kallstadt im Südwesten von Rheinland-Pfalz.

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Mittwoch, 24. Juni 2020, 21:35

sehr interessanter Beitrag Otto (:danke:) wir werden sehen was im November passiert
:cwb: :wice: :cwb:

Bei Stammtischtreffen dabei

july4 1994 Florida, 1995 Florida, 1996 Nevada, 1998 Südstaaten, 1999 Key West, 2002 Boston und Umgebung, 2010 Westen von Kanada, 2011 Westen von Kanada, 2018/2019 Texas und Oklahoma, 2019 Südstaatentour: NC, Kentucky, West Virginia, Virgina, Tennessee, NJ, Pennsylvania, Maryland

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Sonntag, 19. Juli 2020, 21:38

Spannende Details: Auswanderer aus Oppenwehe baute einst das Anwesen in Texas

Wie George Bush zu seiner Farm kam

Zitat

Crawford ist ein kleiner Ort im US-Bundesstaat Texas. Etwas mehr als 700 Einwohner leben auf rund 2,4 Quadratkilometern. Der frühere US-Präsident Georg W. Bush hat dort seit 1999 sein Anwesen: Die „Prairie Chapel Ranch“ hat den Ort bekannt gemacht, weil Bush traditionell seine Ferien dort verbrachte und auch Staatsgäste von weltweitem Renommee willkommen hieß, unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahre 2007. Die Ranch ist heute 648 Hektar groß.
Kaum einer weiß, dass das Anwesen in dem erst im Jahr 1897 gegründeten Ort eine Stemweder Vorgeschichte hat. Heinrich Wilhelm Engelbrecht, 1843 in Oppenwehe geboren, gehörte zu einer zahlreichen Schar von Auswanderern in die „Neue Welt“. 1859 kam er in jungen Jahren in Texas an, ließ sich später in Crawford nieder. Georg W. Bush erwarb von den Nachfahren des Oppenwehers, die bis heute den Namen Engelbrecht tragen, das Areal, nachdem die Ranch am Ende der Prairie Chapel Road 100 Jahre im Familienbesitz verblieben war.

Areal für Baptistenkirche gestiftet
In Crawford gibt es auch heute noch Familiennamen mit vertrautem Klang – wie zum Beispiel Bohne, Mattlage, Weiss und Weber. Engelbrecht muss es in den Staaten zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben, stiftete er doch ein Areal, auf dem 1908 eine Baptistenkirche gegründet werden konnte. Darin wurden die frühen Gottesdienste in deutscher Sprache abgehalten. Die Region um Crawford lebte überwiegend von der Landwirtschaft – heute auf riesigen Ranches

„Eher durch Zufall bin ich bei einer Recherche im Internet über Stemwedes Geschichte auf dieses bemerkenswerte Detail aufmerksam geworden,“ erklärt Stemwedes Bürgermeister Kai Abruszat. Die Tatsache, dass insbesondere Mitte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Bürgerinnen und Bürger aus unserer heimischen Region vor Ort keine Perspektive sahen und deshalb in den aufstrebenden USA ihren eigenen Traum von Glück und Wohlstand verwirklichen wollten, sei ein wesentlicher Abschnitt der Zeitgeschichte, der nicht in Vergessenheit geraten dürfe. „Ich würde mir deshalb wünschen, dass unsere Schulen diese mit unserer Heimat verbundene Form der Migration aufgreifen und zum Beispiel im Rahmen einer Projektarbeit erlebbar machen,“ sagt der Bürgermeister.

900 Seiten im Internet
Quellen dafür gibt es in Stemwede reichlich. Besonders verdient gemacht hat sich hierbei der Wehdemer Wilhelm Friedrich Niermann. Auf fast 900 Seiten findet man im Internet unter www.stemwedegenalogy.com zahlreiche Daten und Fakten über Auswanderer aus allen Dörfern der heutigen Gemeinde Stemwede.
„Allein im Jahre 1859 versuchten aus dem „Alten Amt Wehdem“ mit den Ortschaften, Wehdem, Westrup, Oppendorf und Oppenwehe 96 Einzelpersonen ihr Glück in den Vereinigten Staaten,“ berichtet Niermann, der 1967 erstmals selbst in die USA gereist ist. In den 1840er Jahren habe es eine erste größere Auswandererwelle auch aus Stemwede gegeben. Auch heute noch zeugen zahlreiche erhaltene Briefe von Auswanderern von den Erfahrungen und Eindrücken der ehemaligen Stemweder.

Tipp: Besuch im Auswandererhaus in Bremerhaven
Stephan Leonhardt aus Wehdem, bekanntlich Verfasser mehrerer Werke zur Heimatgeschichte, wies darauf hin, dass zahlreiche Auswanderer von Bremerhaven aus auf dem Seeweg in die USA gelangten. „Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven setzt dieses sensible Thema in seiner Konzeption gut um. Ein Besuch lohnt definitiv”, sagt Leonhardt, dessen Tochter Patricia sich wissenschaftlich an der Universität Osnabrück mit Anlässen und Hintergründen von Auswanderungen aus dem Altkreis Lübbecke beschäftigt hat und ihre Kenntnisse interessierten Akteuren heimischer Schulen gerne zur Verfügung stellt.
Dirk Priesmeier, Ortsheimatpfleger aus Oppenwehe, würde sich über pfiffige Projektideen zum Beispiel von Kindern der Grundschule in Oppenwehe freuen: „Es wäre schön, wenn mögliche Ergebnisse in geeigneter Form präsentiert und auch prämiert werden könnten.“
Heinrich Wilhelm Engelbrecht, als 16-Jähriger auf dem Auswandererschiff „Weser“ in Texas angekommen, verstarb hochbetagt im Jahre 1934 im Alter von 91 Jahren. Engelbrechts Halbbruder war Fritz Priesmeier, der 1853 in Oppenwehe zur Welt kam. Dieser wanderte zusammen mit seiner Mutter Wilhelmine Henriette, geboren 1818 in Wehdem, im Jahre 1867 übrigens ebenfalls nach Texas aus.

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