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Freitag, 26. April 2019, 18:34

Deutsche Auswanderer in den USA
Rostbratwurst „from behind the Iron Curtain“

Zitat

Es ist die Geschichte zweier Auswanderer: Der eine kam in den 90er Jahren aus München nach San Francisco, die andere aus Thüringen. Beide betreiben dort bis heute Restaurants mit Speisen aus ihrer Heimat: die „Suppenküche“ und das „Walzwerk“.

In San Francisco, Restaurant „Suppenküche“. Fabrizio Wiest, kurz Fabi, sitzt in seinem Büro am PC. In Jeans und T-Shirt. Auf dem Kopf ein Baseball-Cappy. Fabi war Grafiker in München. Vor 27 Jahren verließ er Deutschland in Richtung USA. Die Idee, in Kalifornien ein deutsches Wirtshaus zu eröffnen, sei damals nicht von ihm selbst gekommen, erzählt er. Sondern von einem Nachbarn, der leidenschaftlicher Hobbykoch war.
„Dann Anfang der Neunzigerjahre sind wir hergekommen. Und das war nach dem alten Bush, da war hier ein bisschen Rezension. Deswegen war es billig. Und deswegen konnten wir da einsteigen.“
Fabrizio Wiest wuchs in Niederbayern auf. Sein Großvater betrieb dort eine kleine Brauerei. Klein Fabrizio durfte dabei sitzen, wenn die Erwachsenen in der Bierstube aßen, tranken und sich unterhielten. In der „Suppenküche“ wollte er das gemütliche Ambiente aus seiner Kindheit in Bayern nach San Francisco bringen. Im Schankraum stehen echte Wirtshaustische.
„In Amerika sitzt du an einem Vierertisch oder Zweiertisch mit deiner Freundin oder mit deiner Familie. Und bei uns war das gleich von Anfang an, dass dann sehr konservative Leute mit sehr unkonservativen Leuten dann plötzlich am Tisch saßen – und die hatten dann am Ende doch Spaß miteinander.“

Hammer und Zirkel in San Francisco
Im Schankraum ist es voll geworden. Die Gäste rücken zusammen. Die meisten von ihnen haben irgendeine Verbindung zu Deutschland. Auch die Frau, die mit Mann und Tochter an einem Tisch sitzt. Ihre Großmutter sei Deutsche gewesen, erzählt sie. Sie kämen hier wegen des Biers und der Käsespätzle. Und ihre Tochter sagt, dass sie die Laugenbrezeln liebt. Ihr Mann, Amerikaner, wagt sich daran, die Speisekarte auf Deutsch vorzulesen:
„Tageskrate: Würstchensuupe mit Würschtelchen. / Geberzter Lachs mit Gurken / Kapernschlaunzen mit Gemmuschkratzmemory / Sauerkraut…“
„‘Suppenküche‘ – da ist ja überall jetzt was los. Die ganze Straße hat sich ja entwickelt“, sagt Christiane Schmidt. Die gelernte Cocktail-Mixerin kam 1996, drei Jahre nach Fabrizio Wiest, nach San Francisco und arbeitete in dessen Suppenküche, bis sie ihr eigenes Restaurant eröffnete: das „Walzwerk“.
Käsespätzle und Sauerbraten stehen auch hier auf der Speisekarte, aber auch Soljanka und Thüringer Bratwurst. Die Gerichte aus der Heimat von Christiane Schmidt und Isabell Mysyk, mit der sie vor 20 Jahren das ostdeutsche Restaurant eröffneten.
„Wir haben den Laden aufgemacht. Sechs Wochen nur Lunch zum Probieren. Das war natürlich nicht super voll. Aber sobald wir zum Dinner aufgemacht haben, ging es los. Wir waren in der Zeitung gleich danach. Und wie war die Überschrift: ‚Food from behind the Iron Curtain‘.“
„Speisen von hinter dem Eisernen Vorhang.“ DDR in Kalifornien: ein Restaurant mit original ostdeutscher Einrichtung. In Vitrinen liegen Spielzeug-Trabis neben DDR-Verdienstmedaillen. „Erisch“ Honecker und Kosmonaut Sigmund Jähn lächeln auf Fotos von den Wänden. „Schöner unsere Städte – mach mit.“ Eine Tafel mitten im Restaurant, mit Hammer und Zirkel und Ährenkranz.
„East German restaurant in San Francisco“ wirbt das „Walzwerk“-Restaurant online. „Sie verlassen den amerikanischen Sektor“ warnt an der Eingangstür ein Blechschild, original aus der DDR. Innen an der Wand hängt eine riesige Abbildung vom Emblem der Thüringer „Maxhütte“, der das Restaurant seinen Namen verdankt.

Hat Trump ihr Leben verändert?
Fabrizio Wiest hat erlebt, wie die beiden ostdeutschen Frauen im Westen der USA ankamen. „Christiane und Isabell fanden das natürlich irre. Die haben sich ein Zimmer gemietet. Und waren dann nur vorm Fernseher, um erst mal Englisch zu lernen. Und dann haben sie sich verrückte Kleidung gekauft. Und Christiane hat dann auch in der ‚Suppenküche‘ angefangen, Bartender zu machen. Und haben dann später ihre eigene Sache gemacht.“
Zehn Jahre lang betrieben die beiden Frauen danach erfolgreich ihr eigenes Restaurant, das mit Relikten und Insignien der untergegangenen DDR spielt. Dann stieg Isabell Mysyk aus. Sie arbeitet inzwischen in San Francisco als Ingenieurin, erzählt Christiane Schmidt, die das „Walzwerk“ allein weiterführt.
„Na, dann bin ich schwanger geworden. Und dann habe ich einen zweiten Laden aufgemacht. Die ersten Mietergespräche habe ich mit meinem Baby auf dem Arm geführt. Das ‚Schmidt‘ habe ich aber jetzt zugemacht, weil ich eine super hohe Mieterhöhung bekommen habe.“
Die Lebenshaltungskosten klettern in San Francisco in Schwindel erregende Höhen. Vor allem wegen des nahen Silicon Valley, wo viel Geld verdient wird. Als der west-, genauer: süddeutsche Fabrizio Wiest und die ostdeutsche Christiane Schmidt in die USA übersiedelten, herrschten andere politische Verhältnisse – mit Bush Senior und Bill Clinton als Präsidenten. Hat die Wahl von Trump ihr Leben in Kalifornien verändert?
„Im Grunde genommen sehe ich es gar nicht so negativ nach dem langweiligen immer Ja sagen in der Zeit von Obama. Dadurch, dass wir jetzt so jemanden haben, der so radikal in seiner Weise ist, weckt das natürlich auch viele Leute auf, die dann sagen: Das wollen wir nicht unbedingt.“
„Acht Jahre mit Obama oder davor Bush oder Clinton oder jetzt Trump: Ich habe für mich persönlich weder Nachteile noch Vorteile. Ich muss so viele Steuern bezahlen – und im Endeffekt bleibt nichts übrig. Und ich bin nur am Arbeiten. Da ist es egal, welcher Präsident dran war.“

Rückkehr in die Heimat nicht ausgeschlossen
Christiane Schmidt ist seit fünf Jahren alleinerziehend. Fabrizio Wiest ist verheiratet und hat drei Kinder. Auch der Mitbegründer seines Restaurants ist schon vor langer Zeit ausgestiegen. Mit seinem jetzigen Geschäftspartner hat er nahe der „Suppenküche“ einen Biergarten eröffnet und ein zweites Restaurant mit Blick auf die Golden Gate Bridge.
„Ich hatte schon Heimweh, aber ich war immer dermaßen beschäftigt hier dadurch, dass ich hier jeden Tag in meinem eigenen Wohnzimmer stand, und tausend Leute kamen. Als Grafiker wäre das ein bisschen langweilig geworden auf Dauer. Mein Traum wäre, später mal auf einer Ranch zu sein und was ganz einfaches zu machen.“
Nach Deutschland zurückzukehren – für Fabrizio Wiest ist das kein Thema. Für Christiane Schmidt dagegen schon. „Es wäre für mich auch noch mal eine schöne Herausforderung, was anderes zu machen. Weil ich weiß, dass ich hier in Kalifornien nicht in Rente kann. Es ist zu wenig. Würde wahrscheinlich nicht mal für die Miete reichen.“
In zwei Jahren, wenn ihre Tochter mit der Mittelschule fertig ist, will Christiane Schmidt mit ihr nach Berlin ziehen, wo sie zuletzt vor ihrem Umzug in die USA gelebt hat. Zunächst wird das eine Rückkehr auf Probe sein. Für das „Walzwerk“ will sie einen Geschäftsführer anstellen.
„Ich lebe hier seit 22 Jahren und ich liebe Kalifornien und ich liebe auch San Francisco. Das wird immer mein Home sein, egal wie es sich verändert.“
Doch nicht nur materielle Gründe ziehen Christiane Schmidt wieder gen Osten: Mit den Jahren, meint sie, sei ihre Sehnsucht nach ihrer alten Heimat, nach Deutschland, größer geworden.
„Und jetzt habe ich aber zwei Zuhause. Das ist okay.“

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Sonntag, 28. April 2019, 20:41

Sauerkraut

Erst belächelt, dann höchst beliebt

Als im 18. Jahrhundert die ersten „Pfälzer“ in Amerika ankamen, hatten sie auch den vergorenen Kohl im Gepäck. Zunächst rümpfte die feine Gesellschaft die Nase, kam aber schnell auf den Geschmack. Eine kleine Kulturgeschichte des Sauerkrauts von Helmut Seebach.

Zitat

Auf seiner Fahrt durch die Pfalz fühlt sich Fred Fischlein aus Colorado Springs durch ein „kulinarisches Ereignis“ in seinem Urteil über die Deutschen bestätigt. Als der seit Kurzem in Ramstein stationierte US-Soldat auf einem Weinfest an der Deutschen Weinstraße eine Bratwurst bestellt, bekommt er neben Brot auch Sauerkraut als Beilage. „The German Krauts deserve the right name“, lacht er – und probiert zögerlich von dem dampfenden, säuerlichen Gemüse. Aber kann man das heute wirklich noch so sagen wie Fred Fischlein: Dass die Deutschen ihren Namen „Krauts“ zurecht tragen?
Sicher ist: Das Schimpfwort „Krauts“ für die Deutschen gehörte neben anderen wenig schmeichelhaften Bezeichnungen zum Standardrepertoire der amerikanischen Soldatensprache in beiden Weltkriegen. Das ist nach Ausweis des „Dictionary of American Slang“ für 1918/19 erstmals belegt. Im Zweiten Weltkrieg betrieb eine der Propagandaabteilungen der US-Armee die Sprachlenkung dergestalt, dass „kraut“ und „kraut head“ ausgewählt wurden, weil es dem Feind weniger Würde gäbe.
In einem Artikel der Zeitschrift „Saturday Review of Literature“ vom 24. Oktober 1945 taucht die Bezeichnung mit Bezug auf den 8. Mai 1944, den Tag der amerikanisch-alliierten Invasion in der Normandie, wieder auf, im Soldatenslang auch schon vor 1944. „Krauts“ trägt bis heute zur Klischeebildung über die Deutschen bei, wie das Verhalten des nach Ramstein versetzten GI Fred Fischlein zeigt.
Wie konnte es dazu kommen, dass bis heute mit aller Selbstverständlichkeit alle Deutschen weltweit mit dem Spottnamen „Krauts“ bedacht werden? Der Grund liegt darin, was bei den „deutschen“ Einwanderern in die USA auf den Tisch kam.
Bis 1775 waren rund 90 000 „Deutsche“ im Hafen von Philadelphia gelandet. Die Zahl der Einwanderer aus dem Gebiet der Pfalz war so groß, dass schließlich alle Neuankömmlinge „Palatines“, also: Pfälzer genannt wurden – ganz gleich, aus welchem Land sie eigentlich kamen. „Palatines“ kann aber nicht als ethnisch-kulturale Kategorie für ‚Pfälzer‘ gelten.
„Palatines“ als Gruppenbezeichnung ist der englisch-irischen Behörden- und Amtssprache entsprungen und bezeichnet beim Migrationsvorgang lediglich die letzte Station vor der Ausreise in das neue Land. Mehr als 30 000 urkundlich verbürgte und damit namentlich bekannte Schweizer ließen sich im Zeitraum zwischen 1650 und 1750 oft nur vorübergehend in dem Ein- und Auswanderungsland Pfalz am Rhein nieder. Als „Palatines“ galten in der Neuen Welt somit auch Deutsch sprechende Migranten, die die Pfalz wieder verlassen hatten. In Wirklichkeit aber sind in Pennsylvania gestrandete „Palatines“ oder „Pfälzer“ in aller Regel originär kulturell geprägte Schweizer. Dies zu erkennen und anzuerkennen, ermöglicht der europäischen Ethnologie völlig neue Einsichten.
Die größte und am meisten die Kultur in der Neuen Welt prägende Gruppe bildeten diejenigen, die ursprünglich als reformierte Religionsflüchtlinge aus der Schweiz kamen. In Lancaster County in Pennsylvania etablierten sie eine „zweite Schweiz“ nach den kulturellen Mustern ihrer alpinen Heimat. In zahllosen Schriftzeugnissen aus dem 18. Jahrhundert werden sie ausdrücklich als „Swiss Germans“ gekennzeichnet. Die gleichzeitig in Pennsylvania siedelnden Briten befürchteten schon bald ein Übergewicht des deutschen Elements. So machte sich der große Staatsmann Benjamin Franklin zum Fürsprecher seiner englischen Landsleute, als er 1751 schrieb: „Warum sollen wir leiden, dass die Pfälzer Bauernlümmel (Palatine Boor) sich um unsere Ansiedlungen drängen und ihre Sprache und Sitten befestigen zum Verderben der unsrigen und uns germanisieren.“
Besonders auf einem Gebiet zeigte sich ein Germanisierungsprozess. Der britische Bevölkerungsteil in Pennsylvania konnte den Verlockungen der Schweizer-Pfälzer Küche nicht länger widerstehen. In der Winterzeit, wenn frisches Gemüse fehlte, galt Sauerkraut als wichtigstes Gemüse auf dem pennsylvanisch-pfälzischen Tisch. Eine Zeitung stellte 1865 seinen Einzug in die amerikanische Esskultur fest: „Sauer Kraut, years ago, was considered a dish for ‚blebeians‘ only, but it had gradually worked its way forward, and is rapidly becoming fashionable among the ‚patricians‘.“
Die Jahre, als man sich über den teutonischen Fraß mit seinem durchdringenden Geruch und seiner unappetitlichen Zubereitung – das frischgeschnittene Kraut stampften die Mädchen und Frauen mit ihren nackten Füßen ein – amüsierte, waren endgültig vorbei. Es war auf einmal in allen sozialen Schichten chic geworden, Sauerkraut zu essen. In einem Artikel mit dem Titel „Saur-Kraut and Speck“ aus dem Jahre 1869 stand zu lesen: „Die Deutschen haben uns schnell zu einer Sauerkraut essenden Nation gemacht. Noch vor wenigen Jahren wurde das teutonische Gericht von der Masse der Möchte-gern-feinen Leute verachtet, es passe nicht zu ihren Tafelfreuden. Man dachte, dass nur rohe Emigranten und ungebildete deutsche Bauern Sauerkraut essen würden. Jetzt laden die großen Hotels in den Städten zum Sauerkraut-essen ein, wenn sie ein volles Restaurant haben wollen.“
Deutsch-englische Satiren nahmen einen großen Teil in den politischen Kampagnen zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Amerika ein. Als es schließlich 1808 mit Simon Snyder einer der „dummen Deutschen“ in Pennsylvania erstmals zum Gouverneur brachte, war dies erst recht ein willkommener Anlass, sich in politischen Satiren über Sauerkraut und die deutsche Bevölkerung lustig zu machen. „Sauerkraut“ wurde zwar zum politischen Schlagwort, das auf Deutsche zielte, aber nicht traf, denn es besagte nichts anderes, als dass die Deutschen Sauerkraut essen. Sauerkraut und Deutsch wurden zu identischen Begriffen, wie auch die gleichnishafte englische Phrase „as Dutch as sauerkraut“, also: ‚deutsch wie Sauerkraut‘, zeigt. Als Schimpfwort für einen Deutschen erscheint „Sauerkrauter“ erstmals 1869 in einer amerikanischen Zeitschrift.
Doch die Deutschen waren nicht nur Ziel des Spotts, sondern eben auch wichtige Wähler. So berichten die Chronisten vom großen Leigh County-Picknick der Demokraten 1892, in dessen Verlauf den Gästen Sauerkraut aufgetischt wurde. Wir können sicher sein, dass auch die republikanische Partei auf ihren Parteiveranstaltungen in Pennsylvania sich in dieser Hinsicht ganz ähnlich verhalten hat – immerhin waren die Deutschen auch von ihnen umworbene Wähler.
In der 1991 erschienenen Nahrungsvolkskunde „Was der Pfälzer Bauer nicht kennt …“ wurden in einem eigenen Kapitel die Grundzüge der pfälzischen Küche dargelegt. Dabei schildert der Autor auch die „Pfälzischen Auswandererküchen“ wie die donauschwäbisch-pfälzische, die banater-pfälzische, die russisch-pfälzische und die pennsylvanisch-pfälzische Küche. In allen Küchen mit „Pfälzer“ Beteiligung entdeckte er die identische Gemüse-Gemüse-Fleischkombination als Grundkomplex in vielfältigen regionalen und lokalen Variationen auf dem Essenstisch: Sauerkraut, Kartoffeln und Schweinefleisch.
Die zentrale Stellung, die Sauerkraut als Grundeinheit der „pfälzischen“ Küche einnimmt, macht es als Paradigma geeignet, den Verlauf der im Ergebnis verschiedenen Akkulturationsprozesse im Lichte der pfälzischen Auswanderung nochmals näher zu betrachten. Im europaweiten Katastrophenjahr 1709 warteten mehr als 13 000 „Palatines“ in Notlagern bei London auf eine Überfahrt nach Amerika. Es war die Absicht der damaligen englischen Regierung, in Irland auswanderungswillige reformierte Emigranten anzusiedeln, um den Protestantismus in dem überwiegend katholischen Land zu stärken. Von den 3073 von England nach Irland verschifften „Pfälzern“, die durchweg kulturalisierte Schweizer waren, wurde die Mehrheit im County Limerick in den Distrikten von Rathkeale, Glenosheen, Ballyorgan, Bruff, Pallaskenry, Askeaton und später Adare angesiedelt.
Wenige Jahrzehnte nach der Besiedlung staunten fremde Besucher, dass große Speckseiten und Schinken von den Dachsparren der Kolonistenhäuser hingen. Wie in allen anderen Auswandererländern galt auch den Pfälzern in Irland Schweinefleisch und Sauerkraut als Leibspeise. Sie waren die ersten, die deswegen Kohl in Irland pflanzten, den die Iren bis heute „German cabbage“ oder „Palatine cabbage“ nennen. Und vermutlich geht der verstärkte Kartoffelanbau in Irland auch auf die ursprünglich aus der Schweiz stammenden Neubürger zurück.
Bereits 1732 ist in der von Benjamin Franklin gegründeten „Pennsylvania Gazette“ zu lesen: „Ein Schiff aus Rotterdam mit auswanderungswilligen ‚Palatines‘ an Bord strandete nach einer Odyssee von 24 Wochen an der Küste von Neu England. Die Vorräte gingen zur Neige und die letzten acht Wochen hatten sie kein Brot mehr zu essen, aber die Zuteilung von einem Pint (Halbliterkrug) Sauerkraut für fünf Personen am Tage ließ ‚nur‘ 100 von 150 Passagieren jämmerlich verhungern.“
Die zentrale Bedeutung des Sauerkrauts in der alten Schweizer und der pennsylvanischen Küche zeigt sich zudem in einem archaisch anmutenden Gericht. Der Verfasser des Buches „Sauerkraut Yankees“ (1983), William Woys Weaver, fragt in einem ergänzenden Artikel mit dem Titel „Pennsylvania Dutch Identity and the Sauerkraut Grenze“ nach der Herkunft des pennsylvanischen Gerichtes „Gumbis or Gumistopp (a term derived from the Latin compositum) which was found mostly in families of higher economic means even though it was treated a one-pot meal.“ Ein Blick in das Schweizerische Idiotikon hätte dem amerikanischen Nahrungsmittelhistoriker eine Antwort auf seine Frage gebracht für diesen Eintopf, der ein „baked layered shredded cabbage dish“ ist. Dort steht nämlich: „Gumpist, -isch, -is. Eingemachtes, besonders eingemachter Kohl, Sauerkraut.“
Die Milchsäueregärung durch Salz als Konservierungsmethode für Futter- und Lebensmittel war historischen Gesellschaften in der Schweiz schon etwa seit dem Jahr 1500 bekannt. In alpinen Regionen, wo der Winter ein halbes Jahr dauern konnte, ergänzte Sauerkraut auf willkommene Weise die Nahrungsvorräte. Allerdings wurden ursprünglich nicht etwa Kohl, sondern großblättrige Ampferarten – „Blacken“ genannt – an Tiere verfüttert.
Die Sauerkrautgärung wird heute weltweit vorzugsweise auf den Weißkohl (lat.: Brassica oleracea var. capitata alba) angewendet. Das Produkt daraus heißt in der alemannischen Schweiz kurz „Surchrut“. Das deutsche Wort ist als „Choucroute“ ins Französische übergegangen. Die Pfälzer Schlachtplatte, die elsässische Choucroute garnie (mit Würsten und Fleisch garniertes Sauerkraut) und die Berner Platte sind regionale Varianten des Grundkomplexes der oberdeutsch-alpinen Küche mit dem charakteristischen untrennbaren Trio: Schweinefleisch, Kartoffeln und eben: Sauerkraut.
Schweizer Auswanderer haben nach dem Dreißigjährigen Krieg diese Küchentradition in ihrer jeweils neuen Heimat begründet. So wurde Sauerkraut von einem aus der Not erfundenen Schweizer Winter-essen zur europäischen Küchentradition mit einem atlantischen Ausläufer. Es ist zugleich eine Begleiterscheinung der größten Massenmigration der Neuzeit, die sich aufgrund religiöser Intoleranz und Verfolgung ereignete. Esskultur als Folge europäischer Religions- und Migrationsgeschichte. Dies war nur möglich, weil die Schweizer Reformation im Gegensatz zur „wittenbergischen“ nicht allein nur eine Glaubens-, sondern auch eine Lebenserneuerung darstellt.

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Sauerkraut Yankees - recipes from an 1848 Pennsylvania Dutch cookbook
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Dienstag, 18. Juni 2019, 19:23

Viele sprechen noch plattdeutsch

In der Ausgabe vom 16. Januar 1971 erschien ein Bericht über die Gründe dafür, dass im 19. Jahrhundert immer mehr Menschen ihrer Heimat den Rücken kehrten und in den USA ein neues Leben begannen. Unter ihnen W. Kuckhermann, der mit anderen New Knoxville gründete.

Zitat

Der Bericht im Wortlaut: „Wie aus vielen anderen deutschen Landschaften, so setzte um das Jahr 1830 auch aus dem Tecklenburger Land die Auswanderung deutscher Menschen ein. Verschiedene Gründe waren es, die sie bewirkten. Ein Bericht des ehemaligen Tecklenburger Landrats von Diepenbroick-Grüter vom 24. März 1854 an die königliche Regierung in Münster nennt insbesondere die folgenden drei Ursachen, die die Auswanderung tecklenburgischer Bürger verstärkten, nämlich wenn 1. der politische Horizont bewölkt und der Frieden irgendwie bedroht erscheint; 2. wenn die Preise der Lebensmittel infolge schlechter Ernten steigen und 3. tecklenburgische Auswanderer von ihren Neuansiedlungen zum Besuch in die Heimat zurückkehren und, kalifornisches Gold oder amerikanische Dollar vorzeigend, von dem Glück berichten, das sie und ihre Bekannten in der Neuen Welt gemacht haben.
m Tecklenburger Land wurden besonders die Bewohner der sandigen Flächen im Süden des Kreises gezwungen, sich nach neuen Lebensmöglichkeiten umzusehen. Lienen und Ladbergen waren es daher, die im vorigen Jahrhundert eine besonders starke Abwanderung zu verzeichnen hatten. Der ganz überwiegende Teil dieser Menschen ging in die USA und – soweit es Ladbergen betraf – in den Nordwesten des Staates Ohio.
In dieses Gebiet, welches noch bis 1810 von Indianern unter Häuptling Tecumseh besiedelt war, gelangte 1834 als erster Ladberger Wilhelm Kuckhermann (geboren am 12. November 1813 auf dem jetzigen Hof Hölscher-Kuckhermann in Overbeck). Er fand Arbeit beim Bau des Miami-Erie-Kanals, der durch das westliche Ohio verlief, und hatte 1835 eine erkleckliche Summe Geldes verdient, die er mit Ladberger Sorgfalt anzulegen trachtete.
So war ihm willkommen, als er eines Tages im benachbarten Ort Neu-Bremen, in dem er wohnte, den Iren Mr. John Lyttle Knox traf. Dieser bot ihm einen Teil seines nördlich Neu-Bremens gelegenen Waldgebietes an. Ende 1835 schlug W. Kuckhermann ein: Damit war der Kauf perfekt. Kuckhermann dachte nun an seine Freunde im fernen Ladbergen, die er vom Kauf unterrichtete und einlud, doch ,rüberzukommen‘. Drei von ihnen folgten der Einladung unverzüglich: H. Fledderjohann, H. Lutterbeck und H. Meckstroth. Diese vier ließen am 21. Juli 1836 ihre Siedlung als neuen Ort amtlich eintragen, nachdem sie vorher in ihrer Freizeit zwei Schneisen durch das Waldgebiet geschlagen und am Kreuzungspunkt ein Holzhaus für sechs Familien errichtet hatten. Inzwischen waren auch erste ganze Familien aus Ladbergen gekommen, die dieses Haus voll bewohnten. Alle Männer dieser Familien fanden beim Kanalbau guten Verdienst.
Die Neusiedler hatten die Absicht, ihren Ort Neu-Ladbergen zu nennen. Als sie dieses Vorhaben aber nach Ladbergen berichteten, rieten die dortigen Freunde ab: ,... in Ladbergen, Deutschland, gibt es keinerlei Fortschritt: wenn Ihr Euren Ort in Amerika Neu-Ladbergen nennt, ist das ein schlechtes Zeichen für die künftige Entwicklung. Es wird auch dort keinen Fortschritt geben!‘ So mussten die amerikanischen Ladberger einen anderen Namen für ihre Siedlung suchen: Sie nannten sie New Knoxville, nach dem früheren Besitzer des Waldgebietes John Lyttle Knox.
In zwei Wellen erfolgte die Auswanderung von Ladbergen nach USA. Die erste ging von 1840 bis 1850 vor sich, die zweite zwischen 1860 und 1865. Einmalig ist dabei, dass nahezu alle Einwanderer von New Knoxville aus Ladbergen kamen. Dieses Phänomen und damit zusammenhängende Probleme bezüglich Religion, Sprache, Bräuche und so weiter war in letzter Zeit wiederholt Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen der Staats-Universität von Ohio in Columbus.
Dem Ladberger, der nach New Knoxville kommt, fällt auf, dass etwa 80 Prozent der Bewohner Ladberger Namen tragen. Und er ist überrascht, wenn er dort das alte Ladberger Platt mit den meisten Einwohnern sprechen kann.
Aus den zahlreichen Übereinstimmungen zwischen Ladbergen und New Knoxville resultieren heute zahlreiche Verbindungen zwischen Einwohnern beider Orte. In den letzten Jahren waren es etwa 20 New Knoxviller, die für kürzere oder längerer Zeit die Heimat ihrer Vorfahren besuchten, und für 1971 hat sich etwa die doppelte Zahl angemeldet, darunter auch die Familie des Mondfahrers Neil Armstrong, die kürzlich ihren Besuch für den Sommer ankündigte.“

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Mittwoch, 19. Juni 2019, 20:19

Deutsche Spuren in New Orleans

Auf Spurensuche nach deutschen Einflüssen gibt es in New Orleans viel zu entdecken: So deuten Familien- oder Ortsnamen auf die Einwanderungsgeschichte hin. Heute vermitteln der Verein Deutsches Haus und das Deutsch-Amerikanische Kulturzentrum die Immigrationsgeschichte.

Zitat

Ich bin mit Dietmar Felber unterwegs auf dem Friedhof Lafayette No. 1. Er unterrichtet Deutsch an der Toulane University. Der 1833 eröffnete Friedhof ist von vier großen Straßen und unzähligen kleinen Nebenstraßen durchzogen. An deren Rändern stehen Mausoleen aus weißem und grauem Stein. Tiny Houses für die Toten.
„Der John H. Felmadan. 1825 geboren, ist vermutlich so um die Jahrhundertmitte nach New Orleans gekommen. Ist 1877 gestorben. Er war ein Schuster. Aber wenn man hinten nachsieht, dann sieht man dass die ursprünglichen Einträge alle auf Deutsch waren. Nur ist es jetzt schon sehr verwittert und man kann es kaum noch lesen. Also hier oben. J. Heinrich Fellmadan. Der John Henry Felmadan, geboren in Hitzerode bei Hessen-Kassel. Geboren 1825, gestorben 1877. Das ist der Mann der vorne verzeichnet ist.“
„Es gab diese sehr frühe Immigration entlang der ‚Deutschen Küste‘, das war 1720 mit der Indischen Kompanie aus Frankreich. Aber die eigentliche Immigration war in den 1850ern. Nach der Deutschen Revolution.“
Brigitta Malm ist 1965 aus Deutschland nach New Orleans gekommen und geblieben. Eines ihrer Steckenpferde ist die Geschichte der Deutschen Immigranten und besonders des Turner Vereins.

Turngemeinde Turner’s Hall
Es gab sie in allen großen Städten der USA. Seit 1851 auch in New Orleans. Hier wurden frühsozialistische Ideen verhandelt. Ihre Mitglieder kamen mit der zweiten Einwanderungswelle. Viele von ihnen flohen vor den reaktionären Verhältnissen zu Hause und hofften auf ein neues, ein besseres Leben in einem demokratischen Land. In dessen Süden damals immer noch der Sklavenhandel florierte:
„Diese frühen Immigranten waren Bauern, im Unterschied zu denen nach der 48er-Revolution, das waren Ärzte, Anwälte und so weiter. Und das war ein großer Unterschied, das sieht man an den Bauten. Als ich 2001 feststellte, dass eines der schönsten Gebäude im Zentrum New Orleans von einem deutschen Architekten gebaut wurde, habe ich mich sehr gefreut. Heute befindet sich dort ‚Louisianas Stiftung für Geisteswissenschaften‘, aber es firmiert unter ‚Turner‘s Hall‘, das ist die Turngemeinde.“
Das Haus an der Ecke Lafayette und O‘Keefe Street ist ein imposanter Stadtpalast, dessen streng spätklassizistischer Stil sofort ins Auge fällt. Der Turner Verein nutzte das Haus gleichermaßen als Ort für die körperliche Ertüchtigung wie für politische und kulturelle Veranstaltungen:
„Wie in allen diesen Organisationen kamen sie mit einer vagen sozialistischen Idee. Tatsächlich gründeten sie aber eine Organisation für beides: Sie machten Gymnastik, fungierten aber gleichzeitig als Wohltätigkeitsorganisation. Sie kümmerten sich um Witwen, denen sie nach dem Tod ihrer Männer Geld gaben. Es gab Theateraufführungen und Konzerte an diesen Orten.“
Deutsche Vereine existierten in vielen Stadtteilen von New Orleans. Mitte der 1850er-Jahre stellten deutsche Einwanderer zwölf Prozent der Bevölkerung. Es gab unzählige deutsche Kirchen und Synagogen. Brauereien, Bäckereien und Beerdigungsinstitute. Zeitweilig erschienen über 70 Zeitschriften und Magazine auf Deutsch. Den meisten war aber nur ein kurzes Leben beschieden. Nur zwei überlebten das 19. Jahrhundert.

Deutschsein wurde unbeliebt
Die europäische Politik warf ihre langen Schatten immer auch auf die andere Seite des Großen Teichs. Die Kriege zwischen Deutschland und Frankreich im 19. Jahrhundert, die zwei Weltkriege im 20. Jahrhundert. Der Erste Weltkrieg führte zu einem vorübergehenden Publikationsverbot in deutscher Sprache und auch Unterricht in Deutsch war verboten. Viele Einwanderer wie Heinrich Feldaman, hatten ihre Namen da längst schon anglisiert. Oder wie die Familie Zweig ihren Namen in La Branche französiert. Deutschsein war nicht immer en vogue.
„Dann verloren all diese Organisationen, die Chöre, Liederkranz und andere ihre Mitglieder wegen des Ersten Weltkriegs. Damals entstand die Idee für das Deutsche Haus. Sie trafen sich alle und gründeten diesen Verein.“

Deutsches Haus öffnet seine Türen für die Öffentlichkeit
Nur wenige Gehminuten von der Endstation Park City der Canal Street Straßenbahnlinie entfernt steht das Deutsche Haus. Ein Neubau. Erst im November 2018 hat das Haus aus grauem Backstein, mit dem hohen, tief gezogenen Giebeldach, seine Türen für die Öffentlichkeit geöffnet. Rechtzeitig zum 90. Geburtstag des Vereins. Ich bin mit Denise Barnett in der großen Lagerhalle nebenan verabredet. Dort steht ein großer bronzener Bär. Auf seinem Kopf sitzt eine Baseballkappe; er trägt Lederhose:
„Der Berliner Bär. Die Stadt New Orleans bekam ihn vor 1992 geschenkt. Ich glaube, wir haben einen Zeitungsartikel, in dem steht, dass er den Seeleuten übergeben wurde und im Hafengebäude von New Orleans stand. Im August 1992 haben wir ihn bekommen, um ihm ein Zuhause zu geben und uns um ihn zu kümmern.“
Noch muss im neuen Haus der richtige Platz für den schwergewichtigen Gast aus Berlin gefunden werden. Einen Architekturentwurf für das neue Deutsche Haus zu finden, auf den sich alle Mitglieder einigen konnten, stellte sich als schwierig heraus. Auf jeden Fall sollte es kein bayerisches Fachwerkhaus werden. Aber welches deutsche Bautradition sollte sich in der Architektur widerspiegeln? Keine einfache Aufgabe, wie Jack Gonzales, der Vorsitzende des Deutschen Hauses erzählt:
„Wir wollen für alle, die kommen, wollen offen sein und allen die Erfahrung ermöglichen. Also gibt es untereinander häufig kleine Konflikte, etwas missfällt oder wir könnten ihre Region oder Gegend besser repräsentieren. Wir wollen das auch öfter versuchen. Die Herausforderung ist, dass die Meinungen unserer deutschstämmigen Mitglieder darüber, was das bedeutet, weit auseinander gehen. Wir kämpfen jeden Tag darum, zu versuchen, allen ein gutes Gefühl von Gemütlichkeit zu vermitteln.“
Für das leibliche Wohl ist natürlich auch gesorgt: Es gibt Bratwurst und Sauerkraut, Schnitzel und was die gutbürgerliche deutsche Küche sonst noch zu bieten hat. Es gibt eine große Fest- oder Bierhalle. Die auch für das große Oktoberfest genutzt wird, das jedes Jahr stattfindet. Mit Live Musik, Tanz und Dackelrennen. Wer will, kann einen Bierseidel aus einem reichhaltigen Angebot erwerben oder andere Souvenirs; ganz ohne nach Deutschland reisen zu müssen. Von 3D-Dirndl- und Lederhosen über Geschirrtücher mit Omas Weisheiten bis zu Tirolerhüten. Die Auswahl ist riesig. Und natürlich gibt es eine große Auswahl an importierten Bierseideln. All das zu finden, sei nicht einfach, erklärt Keith Oldendorf, der mich durch die Schatzkammer deutscher Souvenirs führt:

„Of course we have Biersteins, German festival wouldn‘t be complete without Bierstein. So we actually get these from the importer.“

„Oh, these German 3D realistic lederhosen. Wow.“

„Where do you get these things from?“

„Ah, it‘s, you kind of have to search a lot. It is not easy to find.“

Geschichte deutscher Einwanderung im Kulturzentrum
Für die Geschichte deutscher Einwanderer ist das Deutsch-Amerikanische Kulturzentrum zuständig.
Es liegt auf der westlichen Seite des Mississippi in Gretna. Hier treffe ich den stellvertretenden Leiter Ira Hopkins:
„Gretna wurde von Deutschen gegründet. Eigentlich hieß es Mechanicsham. Und es hieß Mechanicsham, weil der Besitzer der Destréhan Plantage Deutsche aus New Orleans hier rüber brachte. Denn das war der große Verladehafen und sie konnten sehr geschickt mit ihren Händen arbeiten. Sie bauten Zahnräder, Flaschenzüge und Dämme. Sie waren eigentlich Mechaniker. Deswegen nannte man die Gegend Mechanicsham. Denn hier haben sie sich niedergelassen.“
Im Kulturzentrum ist die deutsche Einwanderung vom frühen 18. Jahrhundert bis heute thematisiert. Ausgestellt ist all das, was die Einwanderer mit in die neue Welt brachten: Handgesticktes, Küchenutensilien, Bücher und Fotografien und vor allem ihre Sprache die sich in den Liedern der Chöre erhalten hat. Hier sind ihre Tonaufnahmen zu hören. Plakate deutscher Theater- und Ballettinszenierungen. Oder Biografien deutschstämmiger Politiker, Architekten oder Geschäftsleute, die das Leben und die Kultur in New Orleans über Jahrzehnte mit gestaltet haben. Viele von ihnen sind auf dem Friedhof Lafayette No. 1 zu finden.

„Leidenheimer. Das habe ich doch gestern gehört.“
„Ja, das kann sein, es gibt eine Bäckerei, die heisst so in New Orleans.“
„Immer noch?“
„Der Lieferwagen fährt immer noch durch die Stadtteile, auch die Gegend hier. Da steht Leidenheimer drauf. Leidenheimer Baker. Die macht French Bread.“

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Freitag, 5. Juli 2019, 20:31

Deutsche Spuren in Illinois

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Bis ins 20. Jahrhundert kamen viele Einwanderer aus Deutschland nach Illinois im Mittleren Westen der USA. Wie sehr sie dort das gesellschaftliche, geistige, kulturelle und vor allem kulinarische Leben prägten, erleben Reisende von Chicago bis in den tiefen Süden des Bundesstaates: So gibt es in Chicago ein deutsches Viertel, deutsche Geschäfte, Restaurants und Straßennamen wie die Goethe oder Schiller Street. Im Süden laden viele kleine Ortschaften zur Spurensuche ein – Sie tragen Namen wie „New Berlin“, „New Hanover“, „Augsburg“, „Darmstadt“ oder „Paderborn“.

Deutsches Viertel in Chicago
Spuren deutscher Architektur, deutsche Gerichte, deutsches Bier, Dirndl und ein echtes Stück Berliner Mauer gibt es in Chicago rund um den Lincoln Square zu entdecken. Auch der Dachverband „Deutsch-Amerikanischer National Kongress“, kurz D.A.N.K., ist im deutschen Viertel zu finden. Sein Kulturzentrum bietet neben einem kleinen Museum zur Geschichte der Deutschen in Chicago kulturelle Events sowie verschiedene Bildungsangebote, zu denen auch Deutschkurse zählen. Schräg gegenüber gibt es bei Gene's Sausage Shop echte Bratwürste und auf der Dachterrasse kühles deutsches Bier zu genießen. Wer auf der Suche nach deutscher Gemütlichkeit ist, wird in der zünftigen Huettenbar fündig oder feiert beim jährlichen Maifest oder German-American Oktoberfest mit, die hier zur liebgewonnenen Institution geworden sind.

Deutsche Braukunst und Küche im Mittleren Westen der USA
n Illinois gibt es viele Restaurants, die Elemente der traditionellen Deutschen Küche enthalten und sich in Regionen mit hohem deutschstämmigen Bevölkerungsanteil bis heute halten konnten. In Chicago bietet The Berghoff Restaurant Brauhausambiente und Volksmusik – gegründet vom geschäftstüchtigen deutschen Immigranten Herman Berghoff, der zur Weltausstellung 1893 an der Zugangsstraße zur Messe einen äußerst erfolgreichen Getränkestand betrieb.
Etwas außerhalb von Chicago in Rosemont ist im Hofbräuhaus Chicago Bayerische Lebensart und ein Maß original Münchener Hofbräu Bier mit bayerischen Schmankerln zu genießen. Der Rathskeller in Rockford, westlich vor den Toren Chicagos, gilt als eines der ältesten Restaurants mit deutscher Küche. Seit 1931 bietet das Restaurant mit Biergarten traditionelle deutsche Spezialitäten wie Sauerbraten, Jägerschnitzel und Thüringer Bratwurst an.
Weiter südwestlich in Moline, am malerischen Mississippi gelegen, werden ebenfalls authentische deutsche Gerichte und 37 Fassbiere in der Bierstube mit Biergarten serviert. In Peoria bietet das Peoria Hofbräu typisch deutsche Gerichte und reichlich deutsches Ambiente. Das Lokal hat zudem deutsche Biere, Weine, Liköre und andere Spirituosen im Angebot. Nur ums Bier geht es schließlich tief im Süden, in Waterloo. Dort braut im historischen Zentrum die Stubborn German Brewing Company deutsche Biere.

Oktoberfeste in Illinois
Deutsche Tradition wird jedoch auch außerhalb der Schankhäuser in Illinois gelebt. Das Oktoberfest Chicago am St. Alphonsus ist beispielsweise eines der beliebtesten Herbstfeste der Stadt. Es lockt Ende September an drei Tagen Besucher in Chicagos West Lakeview Viertel. Rund um die ikonische Kirche St. Alphonsus, in der bis heute auch eine deutsche Messe gelesen wird, bieten Verkausstände Bier, Brezeln und Bratwurst an. Bands sorgen für die musikalische Untermalung.
Bereits einige Wochen früher am ersten September-Wochenende findet das Chicago German-American Oktoberfest mit Parade, Essen, Trinken und deutscher Musik rund um den Licoln Square statt. Doch auch abseits der Metropole am Michigansee finden im Herzen der USA, unter anderem in Moline, Peoria, Galena, Alton und Jacksonville, zahlreiche Oktoberfeste von September bis Oktober statt.
Ein ganz besonderes Oktoberfest kann man in Grafton auf dem Mississippi erleben. Bei der Oktoberfest Dinner Sunset Cruise auf der Hakuna Matata genießen die Passagiere deutsche Musik, Getränke und eine deutsche Küche. Gleichzeitig belohnt das Oberdeck die Gäste mit 360 Grad Ausblicken auf den Fluss und die umliegenden Kalksteinfelsen.

Deutsche Städte tief im Süden von Illinois
Im südlichen Bundesstaat, nahe der Grenze zu Missouri, zeugen Ortsnamen wie New Hanover, Wartburg, Paderborn und Germantown von deutschen Wurzeln. Auch Hecker hat einen deutschen Namensgeber: Der Ort mit knapp 500 Einwohnern wurde nach dem deutschen Immigranten, Revolutionär und Bürgerkriegshelden Friedrich Franz Karl Hecker benannt.
Neben den deutschen Städtenamen zeichnet sich die Region aber vor allem dadurch aus, dass das gesellschaftliche, kirchliche und kulturelle Erbe der deutschen Auswanderer gepflegt wird. Steinerne Kirchen und Fachwerkhäuser werden erhalten und altes Kunstgewerbe ausgeübt, mancherorts wird auch noch deutsch gesprochen. Ein besonderes Kleinod ist das malerische, deutsche Dorf Maeystown, südlich von St. Louis. Mit historischen Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert, Kaffeehaus, Kaufmannsladen, einem Labyrinth aus schmalen Gassen sowie seiner gewölbten Steinbrücke lädt die pittoreske Stadt im Kleinformat zum Verweilen ein.

Deutsche Weihnachtstradition in Illinois
Auch im Mittleren Westen der USA begeistert die stimmungsvolle Atmosphäre und das Kunsthandwerk der deutschen Weihnachtsmärkte die Menschen. So ist der 1996 gegründete Christkindlmarket in Chicago längst zur festen Institution geworden. Im Herzen des Loop-Einkaufsviertels werden Nussknacker, Kuckucksuhren, Christbaumschmuck und weitere Handwerkskünste angeboten. Typische Spezialitäten wie Lebkuchen, Bratäpfel, Rostbratwürste, Butterbretzeln, deutsche Biere und Glühwein sorgen für das leibliche Wohl. Seit 2016 ergänzt ein weiterer Christkindlmarket die Metropolregion: In Naperville, Illinois viertgrößter Stadt in der Nähe von Aurora, findet der Budenzauber jedes Jahr bis Heiligabend statt.

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