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Snoop

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Donnerstag, 27. März 2014, 22:17

Ich habe den Link zu einem Video auf Youtube von dieser Grubenfahrt geschickt bekommen - von einer Gruppe, welche die Tour vor ein paar Wochen gemacht hat.

Superqualität und wirklich sehenswert! :thumbsup:

Grubenfahrt Zeche Wittekind


Ich hatte ein echtes Deja-vu und wirklich Gänsehaut-Feeling pur, als ich es mir angesehen habe. :thumbup:

:8o: DAS soll ICH auch gemacht haben? Kann ich selber kaum glauben. 8-)



Anbei noch ein Bild - ich habe mich zu dem Zeitpunkt noch viel fertiger gefühlt, als ich sowieso schon aussehe. :huh:
Hut ab Otto!!!! :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: habe mir das Video angesehen und muss sagen die Tour ist was für Hartgesottene......Respekt für deinen Einsatz!!!

Otto

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42

Sonntag, 30. März 2014, 20:23

Wer generell Interesse am Bergbau, etc. hat, aber die Anstrengung wie in der Zeche Wittekind scheut, kann auch das Besucherbergwerk Ramsbeck im Sauerland besuchen. Es ist gar nicht so weit weg von Diemelsee. Allerdings wurde dort Erz und keine Kohle gefördert!

Link zu meinem Bericht vom Besucherbergwerk Ramsbeck
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Otto

Carsten

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43

Sonntag, 30. März 2014, 21:31

Der eine Kumpel in dem Video hat aber auch nen ganz schönen Mollenfriedhof da durch geschliffen (:Respekt:)
Gruß
Carsten

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Otto

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44

Montag, 31. März 2014, 19:02

Der eine Kumpel in dem Video hat aber auch nen ganz schönen Mollenfriedhof da durch geschliffen (:Respekt:)


:8o: DAS Wort musste ich googeln. :D
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45

Dienstag, 8. April 2014, 19:18

Ein paar Eindrücke aus dem Besucherbergwerk der Zeche Nachtigall bei einem Besuch vor ein paar Jahren.
Eigentlich ist es eher ein Besucherstollen und dieser ist problemlos zu begehen; man bekommt auch nur einen Helm zu seiner Sicherheit. Bücken muss man sich nur, um in die eigentlichen Abbaustollen hineinzuschauen.

Infos für einen Besuch


Der Einstieg ist unbeschwerlich.


Dunkel ist es schon.






Die Heilige Barbara - Schutzpatronin der Bergleute.



Rettungsbahre - wurde bei uns nicht benötigt.



Auch hier war das Kohleflöz nicht wirklich dick.



Blicke in Abbaustollen





Hiermit wurde die Kohle und Abraum transportiert.



Ein leichtes Vergnügen, um mal einen kleinen Eindruck zum Bergbau zu gewinnen.
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46

Freitag, 27. April 2018, 19:21

Am 21. Dezember 2018 endet die Geschichte des Steinkohlenbergbaus in Deutschland.
Danach schließt auch die letzte Zeche im Ruhrgebiet und die Anlagen werden "zurückgefahren" und laufen danach bis auf eine gewisse Höhe voll Wasser. Pumpen müssen dann für alle Zeiten dafür sorgen, dass das Wasser nicht noch höher steigt - die sogenannten Ewigkeitskosten.

Wer wirklich wissen will, wie die Arbeit des "Kumpels" war, wird eigentlich keine Gelegenheit mehr dazu haben. Ab und an (wie zur Extraschicht) werden noch Tickets für eine Grubenfahrt als Besucher verlost. Aber das endet und es wird definitiv keinen Schaubetrieb für Besucher nach Schließung der Zechen geben. Die Kosten dafür wären zu hoch!


Der Ankerpunkt der Route Industriekultur in Witten - die Zeche Nachtigall - hat dafür gesorgt, dass man jetzt und auch in den nächsten Jahren zumindest einen kleinen Eindruck bekommt, wie die Arbeit des Bergmanns mal war.

Dabei fährt man nicht in die Tiefe von über 1200 m, sondern geht in einen alten Stollen, der für die Besucher gesichert wurde. Schmutz und Nässe sind garantiert und Enge und Dunkelheit werden einem auf alle Fälle nahe gebracht. Aber wenn man nicht sehr ängstlich ist oder unter Beklemmung bzw. Platzangst leidet, ist dies für viele Menschen machbar. Ein wenig sportlich sollte man aber sein und behindertengerecht ist das Ganze nicht.



Die Veranstaltung nennt sich "Hauerschicht" - dazu ein paar Informationen:

Hauerschicht - Grubenfahrt auf Zeche Nachtigall, LWL-Industriemuseum
Hier werden auch Termine für einzelne Personen veröffentlicht!


Zitat

Bergbau intensiv erleben!

Bis zum Jahresende 2018 wird auf dem Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop und dem Bergwerk Ibbenbüren Steinkohle gefördert. Der deutsche Steinkohlenbergbau befindet sich im Auslaufprozess und die letzten zwei fördernden Bergwerke stehen einer stark gestiegenen Nachfragesituation zu einer Besuchergrubenfahrt gegenüber. Deshalb wurde in Kooperation mit der RAG Aktiengesellschaft und dem LWL-Industriemuseum eine entsprechende Möglichkeit geschaffen. Die Hauerschicht/Grubenfahrt auf Zeche Nachtigall ist ein spannendes und authentisches Angebot, das bereits heute die Tradition der Besuchergrubenfahrten fortführt.

Eine aktuelle Präsentation mit Film wirft einen umfassenden Blick auf den heutigen Steinkohlenbergbau. Gleichzeitig wird der Fokus auf die Nachbergbauzeit im Ruhrgebiet gelenkt. Während der gesamten Hauerschicht sind technische, soziale und historische Aspekte zentrale Themen. Bei der Vorführung der 130 Jahre alten Dampffördermaschine gibt es Bergbautechnik des 19. Jahrhunderts in Aktion zu sehen. Der Blick in den Schacht Hercules vermittelt die technischen Herausforderungen den Weg in die Tiefe anzutreten.

In der Kaue rüsten sich die Besucher mit Helm, Geleucht und Grubenjacke aus, dann heißt es 'Glück auf!' zur Grubenfahrt. Das Bergwerk befahren, besichtigen und dabei echte Kohleflöze entdecken, ist ein wirklich authentisches Erleben der Atmosphäre untertage. Auf anschauliche Art tauschen sich die Teilnehmer mit den begleitenden Fachleuten aus und erfahren viel Wissenswertes rund um den Abbau des schwarzen Goldes. Themen wie die Sicherung des Grubengebäudes, das Wiedererschließen des Dünkelbergstollens und das eigene Ausprobieren von historischen Gewinnungsmitteln stehen auf dem Programm. Nach der Grubenfahrt stärkt sich die Gruppe bei einem deftigen bergmännischen Imbiss und kühlen Getränken. Dabei besteht die Gelegenheit den Tag Revue passieren zu lassen.

Eine Altersbegrenzung nach oben gibt es nicht. Grundvoraussetzung für die Teilnahme ist eine gute körperliche Beweglichkeit – Unebener Boden, fehlende Stehhöhe und schwaches Licht kennzeichnen die Grube.

Einführende Präsentation 'Steinkohlenbergbau heute', mit Kalt- und Heißgetränken
Thematisierung 'Der Weg in die Tiefe' am Schacht Hercules
Befahrung des Nachtigall- und Dünkelbergstollens, sowie Abbau und Streckenvortrieb in der Flözstrecke
Vorführung von historischen Maschinen über und unter Tage
deftiger Imbiss und kühle Getränke, inkl. Bergmannsschnapps im "blauen Salonwagen"

Dauer: ca. 5 Stunden. Teilnehmerzahl max. 12 Personen. Erwachsene und Kinder ab 10 Jahre.

Buchbar für Gruppen zu Ihrem Wunschtermin - unabhängig der unten stehenden Termine:
Pro Person 20 € inkl. Essen, Getränken und Eintritt ins Museum, zzgl. 150 € Führungshonorar (einmalig für Ihre Gruppe).


Sie möchten alleine oder z.B. mit zwei bis vier weiteren Personen an der Hauerschicht teilnehmen? Kein Problem, ein offenes Angebot für einzelne Personen findet an den unten genannten Terminen statt. Pro Person 35 € inkl. Essen, Getränke, Honorar und Eintritt ins Museum.



Die Veranstaltungen sind gefragt und oft schnell ausgebucht!
Ich hatte mich vor einigen Wochen um ein Ticket bemüht und war überrascht, wie viele Termine schon ausverkauft waren. Aber man hat mir versichert, diese Veranstaltung wird es auch über da Jahr 2018 hinaus geben! Auch will man auf der Homepage immer mal wieder neue Termine für dieses Jahr veröffentliche. Durch das terminierte Ende des Bergbaus wollen wohl viele zumindest noch einen kleinen Eindruck erhalten.


Zunächst ein paar Bilder von der Zeche Nachtigall. Auch außerhalb der "Hauerschicht" ist ein Besuch durchaus lohnenswert.


Im Infocenter ist eine kleine Ausstellung.



Die Ringofenanlage - der Bergbau in der Tiefe endete auf Zeche Nachtigall schon 1892, danach wurden aber noch Steine/Ziegel gebrannt. Und man förderte später (in den Nachkriegsjahren) noch Kohle(nreste) aus den Stollen...



Kohlenschiff



Eisenbahnanlage



"Kleinzechen" - Kohlenabbau eimerweise.












Die Hauerschicht begann bei Kaffee und anderen Getränken im blauen Salonwagen mit einem Vortrag und einem kleinen Film zum Themas Bergbau.

Danach bekam unsere Gruppe im Maschinenhaus eine Vorführung der Dampffördermaschine, die aber mittlerweile mit einem Generator betrieben wird.









Der Schacht Hercules ging bis zu 450 m in die Tiefe, aber schon 1892 war hier mit der Schachtanlage Schluss.


Jetzt steht das Wasser im Schacht bis auf etwa 4 m Höhe.




In der Kaue wurden wir mit Jacke, Helm und Lampenanlage eingedeckt. Man sollte strapazierfähige Kleidung und feste Schuhe anziehen; man macht sich schon ein wenig dreckig.





Eingang zum Nachtigallstollen. Diesen "Besucherstollen" gibt es schon seit ein paar mehr Jahren.



Immer wieder wurde von unserem Führer Erklärungen zu dem gegeben, was man sah und erlebte.



Nach kurzer Zeit sind wir abgebogen in den Dünkelbergstollen, den man vor ein paar Jahren wieder entdeckt und für Besucher gesichert hat. Der Stollen ist gegen Anfang des 20. Jahrhundert gebaut worden, um Reste der Steinkohle aus dem Berg zu holen und war danach teilweise verschüttet. Hier bekommt man schon einen kleinen Eindruck, wie schwer die Arbeit des Bergmanns war. Enge, Dunkelheit und Nässe sind einem dann nah.





Auch wenn die Sicherung des Stollen erst ein paar Jahre alt ist, die Korrosion breitet sich rasant aus und man muss ständig Teile ersetzen.







Wo man aufrecht stehen konnte, gab es weitere Erklärungen.



In diesem Seitenstollen wurde die Kohle abgebaut, jetzt ist es ein "Alter Mann" und wieder verschüttet.



Am Ende des Dünkelbergstollens kam die schwierigste Passage; hier muss jeder Besucher hoch (oder zurück gehen). Ich fand es nicht schwierig.



Danach kamen wir wieder ins Freie.



Man war in einem Steinbruch und nach kurzem Spaziergang am Hintereingang des Nachtigallstollens - gegenüber der Seite, wo wir rein gegangen waren.
Da bin ich vor Jahren schon mal drin gewesen.





Im diesem Teil kann man sogar mal aufrecht gehen. Aber man muss ständig aufpassen; gut dass jeder einen Helm trug.





Die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute.



Ein Rest von Steinkohle in der Wand.



Wir sind noch in einen Seitenstollen hinein, wo man sehen konnte, wie der Bergmann dort Kohle abbauen musste - im Liegen und Kriechen.







Dort wurde mal das elektrische Licht aus gemacht und auch das von unseren Helmlampen. Nur eine kleine Öllampe spendete Licht, mehr hatte der Bergmann früher auch nicht.



Nach 2 Stunden war die Führung im Stollen vorbei und wir wieder an der Sonne.



Uns hat die Führung sehr gut gefallen!
Natürlich kann man es nicht mit dem vergleichen, was ich vor Jahren unter Tage in 1200 m Tiefe bei meiner Grubefahrt in Bottrop erlebt habe.

Aber die ganze Veranstaltung war sehr interessant und kurzweilig, was auch an unserem Tourführer lag, dem Herrn Nolte. Er macht diese Führungen schon seit einigen Jahren und das mit Erfolg!

Wer sich für das Thema interessiert, wird nicht enttäuscht werden. Empfehlenswert!


Gegen eine kleine Spende bin ich auch wieder an frische Kohle gekommen. :zwinker:
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Schöne Grüße
Otto

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Dienstag, 18. Dezember 2018, 21:16

Letzte Zeche schließt
Das wehmütige Ende für einen Teil deutscher Geschichte

Zitat

Das Ruhrgebiet war einmal Kohle und Stahl und sonst nichts. Damit ist es am Freitag endgültig vorbei, denn dann wird die letzte Zeche feierlich geschlossen. Ein Blick zurück nach vorn in eine Region, die Deutschland reicher machte.

Am Freitag gehen 200 Jahre deutscher Industriegeschichte zu Ende und es ist ziemlich schade, dass es nur ein Teil der Deutschen bemerkt. Sie leben im Ruhrgebiet, sie zählen 5,1 Millionen Menschen und sie werden diesen Tag so begehen, wie es sich gehört: mit Musik und Reden, mit Tränen und Alkohol, mit Frank-Walter Steinmeier und Armin Laschet.
Die Feier findet in der Nähe von Bottrop statt, im modernsten Bergwerk der Welt, das Prosper-Haniel heißt. Ich bin da mal eingefahren, so heißt das in der Bergmannsprache. 1.229 Meter rauscht der Förderkorb nach unten, du weißt nicht, wie dir geschieht, du weißt nicht was dich erwartet. Du trägst baumwollene Unterwäsche, Schuhe über die Knöchel, ein blau-weiß gestreiftes Hemd, dicke Hose, Halstuch, einen Helm mit Grubenlampe, das Atemschutzgerät hängt hinten am Gürtel, damit kannst du einen Brand maximal 90 Minuten lang überleben. Du bist als Bergmann verkleidet und kommst dir komisch vor, was sonst.

Unter Tage kommst du aus dem Staunen nicht mehr heraus
Dann bist du unten und staunst, denn du bist wie in einem Tunnel. Gewölbt sind die hohen Wände, große Maschinen stehen hintereinander und einander gegenüber, mitten drin speziell geschützte Laptops, die alle anfallenden Daten speichern. Jede Menge Kabel sind überall gespannt: für Lampen, Rechner und Maschinen. Würde man sie nebeneinander legen, ergäben sie eine Strecke von 500 Kilometern. Platzangst bekommst du nicht, ist schon mal gut.
Du gehst nach vorne in den Streb, es wird wärmer, dort bauen sie die Kohle ab. Ein Riesending, das sie den Kohlehobel nennen, rast an einer Kette entlang und schält die Kohle ab. Sofort sichern mächtige Stahlschilde die rasierten Stellen und schwere Hydraulikzylinder verspannen eine Stahlkonstruktion zwischen Boden und Decke, damit der Berg nicht nachbrechen kann. Dafür sorgen ein paar Mechatroniker, die Knöpfe drücken, alles vollzieht sich automatisch. Einer von ihnen reicht dir schweigend die Schnupftabakdose und du ziehst eine Prise hoch. Ist seltsam, aber passt schon.
Maschinen sind hier wichtiger als Menschen. Die Technik übernimmt. Moderner geht es nicht. Weiter entfernt können die Tage gar nicht sein, als die Bergarbeiter auf den Knien nach vorne robbten, als sie mit der Hacke die Kohle herausschlugen, als Grubenpferde die vollen Loren zogen, als die Kumpel bei Methangasexplosionen starben oder unter herabstürzendem Gestein begraben lagen. Die Kohle ernährte sie und tötete sie. Die Geschichte der Industrialisierung ist die Geschichte namenloser Helden.
Ich habe ein Buch über das Ruhrgebiet geschrieben. Anfangs wusste ich nicht viel darüber. Berge mochte ich bis dahin vor allem von oben, zum Beispiel zum Heruntergleiten auf Skiern. Das Innere der Berge ist eine völlig andere Welt. Immer gewesen. Von Anfang an, als sie im Ruhrgebiet die Steinkohle entdeckten.

Ohne Ruhrgebiet keine Bahn, kein Stahl, keine Kanonen
Damals war das Gebiet an Emscher und Ruhr ländlich, wasserreich und dünn besiedelt, platt wie Holland, das um die Ecke liegt. In Dortmund und Essen lebten nicht mehr als je 8.000 Menschen. Die Region lag abseits, die Geschichte spielte sich im Osten und Südwesten ab, nicht hier.
Die Industrialisierung hat alles verändert. Um die Zechen herum entstanden Siedlungen, aus denen Kolonien erwuchsen. Aus den Kolonien entstanden Städte, die zu Großstädten wurden: Duisburg, Gelsenkirchen, Bochum, Recklinghausen etc.
Das waren Arbeiterstädte in einer Arbeiterregion. Die Bergarbeiter leisteten Schwerarbeit. Sie holten die Kohle aus der Erde, aus der sie in der Kokerei Koks brannten, mit der sie im Hochofen Stahl erzeugten. Schwerarbeit für die Schwerindustrie.
Ohne Kohle und Stahl aus dem Ruhrgebiet hätte es die Eisenbahn nicht gegeben, die die deutschen Lande schon vor der Einigung durch Bismarck und seinen Kaiser 1871 zusammenführte. Ohne das Ruhrgebiet hätte es die Kanonen von Krupp nicht gegeben, mit denen das Kaiserreich im Ersten Weltkrieg Frankreich und Russland und mit denen Hitler im Zweiten Weltkrieg die ganze Welt besiegen wollte. Und ohne das Ruhrgebiet hätte es das Wirtschaftswunder nach 1945 nicht gegeben.
Ohne das Ruhrgebiet ging nichts. Mit dem Ruhrgebiet ging der Fortschritt und die Zerstörung. Das Ruhrgebiet diente vielen Herren und wurde vielfach missbraucht. Eine heroische Geschichte, eine traurige Geschichte. Eine Geschichte aus der Männerwelt. Vorbei, verweht.

Kohle gibt es noch, aber sie ist zu teuer
Von der Steinkohle gibt es heute noch reichlich, im Ruhrgebiet und bis hinauf zur Nordsee. Sie liegt tief unter der Erde und das ist das Problem. Wer sie hoch holen will, muss viel investieren und sie teuer anbieten. Anderswo liegt die Kohle weniger tief, manchmal lässt sie sich sogar im Tagebau erschließen, und deshalb ist deutsche Steinkohle schon lange nicht mehr wettbewerbsfähig. In Südafrika oder Australien, der Türkei, Indien oder Polen produzieren sie billiger, legen sie auch weniger Wert auf Sicherheit für die Bergleute und deshalb ereignen sich immer wieder schlimme Grubenunglücke, in China, der Ostukraine oder der Türkei.
Das Ruhrgebiet gibt es heute zweimal. Einmal oben, einmal unten. In einem Film von Adolf Winkelmann steigt ein Bergmann bei Gelsenkirchen unter Tage und kommt in Dortmund wieder raus. "Jede Menge Kohle" ist ein Komödie, aber denkbar wären solche Wanderungen durchaus. Und weil es das Ruhrgebiet doppelt gibt, müssen sie darauf achten, dass das Unten auch unten bleibt, das Wasser nämlich, das durch Regen hinab sickert und dort allmählich ansteigt. Damit sich dieses Grubenwasser nicht mit dem Grundwasser vermischt und den Menschen dort oben schadet, steht ein riesiges Pumpensystem parat, das den Ernstfall verhindert. Bliebe das Grubenwasser sich selber überlassen, wäre Essen in absehbarer Zeit eine Seenplatte. Komischer Gedanke, aber wahr.
Das Ruhrgebiet bestand einmal aus Kohle und Stahl. Der Himmel war grau, wie wir es heute aus chinesischen Schwerindustriegebieten kennen. Die weiße Wäsche auf der Leine blieb nicht lange weiß. Die Kumpel starben an Staublunge. Die Kinder gingen unter Tage wie die Väter und die Großväter und die Urgroßväter.

Heute ist das Ruhrgebiet ein anderer Ort
Heute ist das Ruhrgebiet grün und 300.000 Studierende büffeln in Duisburg, und Essen, Dortmund und Hagen. Die Zeche Zollverein gehört zum Weltkulturerbe der Unesco. Der Landschaftspark Duisburg-Nord entstand aus einem riesigen Stahlwerk und ist eine Sensation. Im Gasometer in Oberhausen gibt es ein wunderbares Museum. An die Industrialisierung erinnern ihre Ikonen.
An Kultur ist das Ruhrgebiet schwer zu schlagen: das Theater in Bochum, die Oper in Essen, das Schauspiel in Dortmund. Konzerte in der Jahrhunderthalle in Bochum, Performances mit Cate Blanchett im Landschaftspark. Viele Hunderttausende kommen jährlich hierher und staunen über die Transformation des Ruhrgebiets.
Das Alte steckt im Neuen und das ist gut so. Der Tunnel, durch den die Spieler des FC Schalke 04 ins Stadion einlaufen, ist aus Kohle geschlagen. Ehe das Spiel beginnt, geht im Stadion das Licht aus und dann singen sie das Steigerlied, das einst die Bergarbeiter in der Hoffnung sangen, dass sie am Ende der Schicht das Tageslicht wiedersehen würden: "Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt/ Und er hat sein helles Licht bei der Nacht/ Schon angezünd’t."
Das ganze Stadion singt, inbrünstig, wie sie es nur hier können. Ich bin ein Anhänger der Dortmunder Konkurrenz, aber einmal im Jahr bin ich auf Schalke, um das Steigerlied zu hören, das mich wirklich tief berührt.

Am Freitag also fahren sie die letzte Schicht in Prosper-Haniel und übergeben dem Bundespräsidenten ein Stück glänzender Kohle. Ein weher Augenblick für viele Menschen im Ruhrgebiet, natürlich, den sie auskosten dürfen. Denn in der Gegenwart haben sie die heroische Vergangenheit schon hinter sich gelassen, und das ist nur gut so.

Link mit Bildern



Ich habe in meinem Leben zweimal erleben dürfen, wie es untertage aussieht und sich anfühlt. Die Erfahrung war einzigartig und ich möchte sie nicht missen.

Wer nie dort unten war, wird dies auch nie mehr machen können. Ob das schade ist, muss jeder für sich entscheiden. Aber ein wichtiges Kapitel der deutschen Industrie/Geschichte geht zuende.
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48

Freitag, 21. Dezember 2018, 23:18

Heute hat das letzte Bergwerk in Deutschland offiziell geschlossen und der deutsche Steinkohlenbergbau ist beendet.
Nun ist eine Grubenfahrt nicht mehr möglich – zumindest wirklich.
Aber online gibt es für alle noch eine virtuelle Möglichkeit – geschaffen vom WDR:

Zitat

Ende 2018 schließen Nordrhein-Westfalens letzte Steinkohle-Bergwerke. Eine Ära, die das Land ökonomisch und gesellschaftlich geprägt hat, geht zu Ende. Auch nachdem die letzte Zeche geschlossen sein wird, kannst du die eindrucksvolle Welt unter Tage mit eigenen Augen erleben: in unserem Virtuellen Bergwerk.

Link



Glückauf!
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49

Samstag, 22. Dezember 2018, 08:43

Schöner Link, Otto, Danke. Nur fehlt mir noch das stylische Oculus Schießmichtod für das vollständige Erlebnis.

Passend zum Thema hab ich noch einen zum Thema Bergbau... (ab 2:45 gehts los mit der Untertagegeschichte)

Herbert Knebel - Getz aber in echt - verschüttet

In diesem Sinne: Glückauf!
Stammtischtreffen: Ich sag mal 74, wahrscheinlich aber noch ein paar mehr :zwinker:

Deutsche Stiftung für Organspende Wer noch keinen Spenderausweis hat, besorgt ihn sich am besten auf der verlinkten Seite.

Kanada-Kalle

Kein Experte,aber ich kenne welche!

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50

Samstag, 22. Dezember 2018, 09:16

ja der Pott ist nicht mehr das was er mal war ;-( ;-(

Guter Link Otto (:danke:)
:cwb: :wice: :cwb:

Bei Stammtischtreffen dabei

july4 1994 Florida, 1995 Florida, 1996 Nevada, 1998 Südstaaten, 1999 Key West, 2002 Boston und Umgebung, 2010 Westen von Kanada, 2011 Westen von Kanada, 2018/2019 Texas und Oklahoma